Wer wird uns morgen verteidigen? Diese Frage ist weder rhetorisch noch weit hergeholt. Sie ist dringend. Denn das, was wir gestern noch als «Krieg» bezeichnet haben, hat inzwischen andere Dimensionen angenommen. Die Grenzen zwischen militärischem und zivilem Bereich, zwischen Front und Nachschub und zwischen Angriff und Einfluss sind zerflossen. Auch weil die Verteidigung eines Landes nicht mehr auf einer einzigen Reaktion beruhen kann, die von einer einzigen Institution umgesetzt wird.
Ein Krieg beginnt heute nicht mehr zwangsläufig in Uniformen und beschränkt sich auch nicht auf eine bewaffnete Konfrontation in bestimmten Gebieten. Der Krieg ist mittlerweile in Glasfaserleitungen, kollektive Narrative, Lieferketten, Softwareplattformen und gesellschaftliche Strukturen eingedrungen. Dabei ist er symmetrisch und asymmetrisch, kinetisch und kognitiv zugleich und kann auf staatlicher, aber auch auf nicht staatlicher Ebene erfolgen. Moderne Kriegsführung vollzieht sich gleichzeitig auf mehreren Operationsfeldern: zu Lande, zu Wasser, im Luft- und Weltraum, im elektromagnetischen Raum, auf humaner Ebene und im Cyberraum. Keiner dieser Räume lässt sich von den anderen abgrenzen. Alle Räume interagieren, beeinflussen und verstärken sich gegenseitig. Krieg ist zu einem System geworden. Und das muss auch für die Verteidigung gelten.
Vor diesem Hintergrund lautet die Frage nicht mehr bloss «Welche Armee brauchen wir künftig?», sondern auch «Welche Gesellschaft verteidigen wir und mit wem?» Anders gefragt: Welche Rolle spielen die Zivilbevölkerung, die Unternehmen, die Kollektive, kritische Infrastrukturen, Bildungs- und Wissenschaftseinrichtungen im Hinblick auf kollektive Resilienz? Denn es geht nicht mehr ausschliesslich um die Abwehr einer Invasion. Vielmehr gilt es, ein Land langfristig zusammenzuhalten, die Rahmenbedingungen für eine realistische Souveränität zu bewahren und die Kontinuität eines gemeinsamen Projekts sicherzustellen.
Folglich wird Landesverteidigung in dieser Studie unter einem erweiterten Blickwinkel betrachtet, der sich bewusst von einer «Business-as-usual-Analyse» abgrenzt. Erörtert wird, welche Rolle die Strukturen jenseits der Armee, d. h. Industrie, zivile Akteure, private Partner und organisierte Bürgerinnen und Bürger, bei der Konzeption einer systemischen Reaktion auf hybride Bedrohungen spielen. Die Aufgabe ist nicht, eine klassische Festung noch weiter zuzumauern, sondern vielmehr, ein verteiltes, anpassungsfähiges, durchdachtes und in der Gesellschaft verankertes Ökosystem der Verteidigung zu entwerfen.
Der Ansatz ist bewusst bereichsübergreifend. Er stützt sich auf Analysen der unscharfen Grenzen zwischen Krieg und Frieden, der kognitiven Dimension neuer Kriegsformen und der Integration der Verteidigung in technologische und gesellschaftliche Wertschöpfungsketten. Das wirft sensible Fragen auf: Wie steht es um die kollektive Verantwortung gegenüber dezentralen Bedrohungen? Inwieweit darf Sicherheit der Privatwirtschaft überlassen werden? Welche demokratischen Strukturen müssen erhalten bleiben, um weiterhin wachsam zu sein, ohne zu übertreiben?
Aus diesem Blickwinkel beschränkt sich Verteidigung nicht mehr auf eine einziges Departement. Verteidigung verkörpert die Fähigkeit eines Landes, Widerstand zu leisten, standzuhalten und sich anzupassen. Eine Fähigkeit, die nicht spontan erworben wird. Sie setzt strukturierende Entscheidungen, eine gemeinsame Vision und Klarheit über die Welt von morgen voraus.
Dieses Dokument erhebt nicht den Anspruch, alle Antworten zu liefern. Aber es wartet mit neuen Ansätzen auf, entwickelt alternative Hypothesen und fordert dazu auf, die Voraussetzungen für unsere kollektive Sicherheit gemeinsam neu auszuloten. Denn wer antizipiert, verteidigt sich bereits. Und wer ein Land verteidigen will, muss wissen, auf wen er zählen kann.
Welche Rolle werden Sie dabei spielen?
| Sponsor und Impressum : | Quentin Ladetto, dispositif de prospective d’armasuisse Science et technologies |
| Recherchen, Analysen und Texterstellung : | Félix Baranger, Romain Fenouil et Matthieu Gioani |
| Leitung der Studie : | Matthieu Gioani et Romain Fenouil |
| Abbildungen der Figuren : | Antoine Petiteaux |
| Corporate Design und Grafikdesign : | Jacc & Co (Cécile Cazanova et Lou-Anne Thomas) |
| Veröffentlichungsdatum : | September 2025 |
| ISBN : | 978-3-907717-02-8 |