Transkript
Geräusch einer Teleportation, gefolgt von einem deutlichen Atemzug.
OSCAR
Echt, ich hasse deinen Translokator, Eleanor. Mein Magen ist in der Stratosphäre hängen geblieben. Wo sind wir denn diesmal?
ELEANOR
Atme tief durch, Oscar. Das war eine perfekte Landung. Wir sind in der Galerie der Unendlichkeiten, einem orbitalen Antizipationssimulator. Schau durch das Fenster, was siehst du?
OSCAR
Die Erde? Sie dreht sich wie verrückt! Die Kontinente driften auseinander und prallen zusammen, die Wälder wachsen und sterben innerhalb von Sekunden. Das ist schwindelerregend.
Leises Zwitschern und leises Flügelschlagen.
CLAUDE
Tschiip, tschiip! Hallo, ihr Forscher!
OSCAR
Da ist ja das Rotkehlchen wieder.
CLAUDE
Ein Rotkehlchen, ja klar, aber vor allem eine IWAK, eine intelligente, wandelbare und anpassungsfähige Kreatur. Ich bin hier, um euch zu helfen, wenn ihr euch heute euren metaphysischen Ängsten stellt.
ELEANOR
Wenn man die Erde betrachtet, sieht man deutlich, dass der Mensch ein Seiltänzer zwischen zwei unermesslichen Dimensionen ist. Auf der einen Seite bestimmt das verschwindend Kleine in Form des unsichtbaren Zusammenspiels unserer Moleküle unser Sein. Auf der anderen Seite macht uns das Riesengrosse in Form der geologischen Zeitskala und der kosmischen Kräfte unsere völlige Bedeutungslosigkeit bewusst.
OSCAR
Früher war es einfacher. Jahrtausendelang waren das Dorf und das Feld die Dimension, in der der Mensch lebte. Dann liess uns die Wissenschaft mit einem Auge durch ein Teleskop und mit dem anderen Auge durch ein Mikroskop schauen. Uns ist nun bewusst, wie sehr wir dem Kleinen ausgeliefert sind und vom Grossen erdrückt werden.
ELEANOR
Ja, eine ziemlich unangenehme Lage, das stimmt.
OSCAR
Vor allem zeitlich gesehen! Wir leben im Durchschnitt achtzig Jahre. Drei Milliarden Herzschläge sind nicht einmal ein Wimpernschlag im Vergleich zu den vier Milliarden Jahren, die unser Planet alt ist.
ELEANOR
Ganz genau. Eine Bergkette erodiert in fünfzig Millionen Jahren. Und wir regen uns schon auf, wenn es länger als zwei Minuten dauert, bis die Kaffeemaschine unseren Kaffee zubereitet hat. Aber stell dir mal vor: Was wäre, wenn uns die Technologie in Zukunft ermöglichen würde, das Riesengrosse und das verschwindend Kleine miteinander in Einklang zu bringen?
OSCAR
Woran denkst du?
ELEANOR
An Infinityseeds.
CLAUDE
Infinityseeds eigenen sich für das Säen auf sehr lange Sicht. Man pflanzt einen gentechnisch veränderten Samen, der erst ein paar Jahrtausende später keimt.
OSCAR
Und wozu?
ELEANOR
Schau nach links. Da steht eine Frau in der Wüste. Sie lässt ein Samenkorn fallen, das diese karge Gegend in ein paar Jahrtausenden in einen üppigen Wald verwandeln könnte. Sie lächelt, denn mit dieser winzigen Geste hat sie die Angst vor ihrer eigenen Endlichkeit überwunden.
OSCAR
Wenn wir schon beim Thema sind. Gäbe es nicht eine Möglichkeit, das Vergängliche in der Ewigkeit zu verankern?
ELEANOR
Die Forscher von morgen sind bereits auf diese Idee gekommen. Sie nennen es Memolithie. Dabei wird die Erfahrung eines Menschen auf einen unzerstörbaren mineralischen Träger übertragen.
OSCAR
Ein technologischer Trick, mit dem das Vergessen verhindert wird?
ELEANOR
Nein, es ist mehr als das. Schau mal nach rechts, da ist ein 90-jähriger Mann. Er möchte die Erinnerung an den Augenblick bewahren, in dem ihm die Unendlichkeit des Himmels bewusst geworden ist. Er lässt dieses Gefühl in einen synthetischen Quarz eingravieren. Er sagt sich, dass dieser Quarzstein aufgrund der Verschiebungen der Erdplatten in zehn Millionen Jahren auf dem Gipfel eines Berges leuchten wird. Ich finde es poetisch, dass ein verschwindend kleines entzücktes Staunen in der Stille der Unendlichkeit als Versteinerung weiterexistiert.
OSCAR
Ich weiss ja nicht. Sollen wir die Galerie wechseln?
CLAUDE
Moment, ihr habt die Geoakkomodation noch gar nicht gesehen. Das ist die Angleichung der menschlichen Wahrnehmung an die Langsamkeit der geologischen Prozesse.
ELEANOR
Das ist grossartig! Man schaltet das Gehirn in den Anpassungsmodus. Siebzig Jahre fühlen sich an wie ein langer Morgen. Der Wechsel von Tag und Nacht wird als ein stroboskopartiges Aufblitzen wahrgenommen. In dieser ausgedehnten Trance kann man beobachten, wie sich der Lauf eines Flusses verändert oder wie ein Birkenwald still und leise eine steinige Heide verschlingt.
OSCAR
Na ja, es ist vor allem bizarr! Um gegen unsere menschliche Vergänglichkeit anzukämpfen, werden wir Milliarden in die Erfindung eines Supersamens stecken, der im Grunde dasselbe tut wie ein Tannzapfen. Wir werden Nanotechnologien einsetzen, um den menschlichen Geist in einen Kieselstein zu verwandeln oder, schlimmer noch, um aus dem Menschen einen Gartenzwerg zu machen, der dem Gras beim Wachsen zuschaut.
ELEANOR
Auf jeden Fall haben diese futuristischen Technologien zumindest den Vorteil, uns an etwas Wesentliches zu erinnern: Was die Schönheit und Intensität eines menschlichen Lebens ausmacht, ist seine Kürze. Dank ihr sind wir uns bewusst, dass jede Sekunde zählt, da sie nie wiederkehrt.
CLAUDE
Na, ihr Forscher seid ja zu richtigen Dichtern und Philosophen geworden. Das Riesengrosse und das verschwindend Kleine sorgt bei den Menschen auch für eine Achterbahn der Gefühle. Folgt mir.
Szenenwechsel.
OSCAR
Wovon redest du, Claude?
CLAUDE
Von dem Augenblick, in dem der Mensch entdeckt, dass seine so unendlich gross wirkende Seele Sklave einer winzigen biochemischen Maschinerie ist.
OSCAR
In diesem Raum wird am Sensoclearing gearbeitet, der Korrektur von Gefühlen auf molekularer Ebene. Man geht davon aus, dass ein falsch kalibrierter Geruchsrezeptor ein Date ruinieren und ein Serotoninmangel uns völlig aus der Bahn werfen kann.
ELEANOR
Du meinst also, dass das Sensoclearing keine künstliche Anziehungskraft erzeugt. Es beseitigt lediglich das biochemische Rauschen, das zwei Menschen daran hindert, sich zu lieben.
OSCAR
Ja. Man lenkt das Schicksal sozusagen mit neuronalem Deodorant in die richtigen Bahnen.
ELEANOR
Mit einer solchen Technologie könnte morgen wirklich alles ganz anders sein.
Leises Zwitschern des Rotkehlchens.
ELEANOR
Was ist los, Claude?
CLAUDE
Ich wollte euch Neurorep zeigen. Das ist ein kleines synaptisches Skalpell, das den Schmerz beseitigt.
OSCAR
Lass mich raten: Wenn dich ein Schicksalsschlag trifft, schick man sofort eine Truppe von Nanorobotern los, die die für den Schock verantwortlichen Neuronen angreifen. Mit einem Eingriff auf verschwindend kleiner Ebene wird die riesengrosse Trauer entfernt.
ELEANOR
Das finde ich ziemlich nützlich. Stell dir eine Frau vor, die sich nicht mehr um ihre Kinder kümmern kann, weil die Trauer um ihren Partner sie erdrückt. Während sie schläft, verbindet Neurorep ihre unterbrochenen Synapsenverbindungen wieder. Beim Aufwachen hat sich die Traumaschleife gelöst.
OSCAR
Die Trauer ist der Beweis dafür, dass diese Frau geliebt hat. Wenn man die Trauer unterdrückt, löscht man die Liebe aus.
ELEANOR
Das ist nur eine Sicht der Dinge. Ich glaube, das Konzept von Mutoran wird dir gefallen.
CLAUDE
Mutoran! Das Molekül, das die Angst zerschlägt.
ELEANOR
Es ist die Geschichte eines Mannes, der davon träumt, auf Entdeckungsreise zu gehen, doch die Angst vor dem Scheitern lähmt ihn. Er nimmt eine Dosis Mutoran ein, welches Angstkreisläufe durchbricht. Diese winzige innere Regulierung verleiht ihm Selbstvertrauen. Am nächsten Tag kündigt er seinen Job und bricht ins Unbekannte auf.
OSCAR
Mut, Liebe, Trauer werden zu blossen mechanischen Störungen. Man dreht an einer synaptischen Schraube, spült unser neuronales Rohrsystem durch und indem wir unsere Verletzlichkeit eliminieren, löschen wir die chaotische Schönheit unserer Schwächen aus. Wir beseitigen das, was uns zu Menschen macht. Ich sage nein, nein und nochmals nein.
ELEANOR
Das ist die Ironie unserer Spezies. Der Mensch von morgen wird versuchen, Arme zu haben, die lang genug sind, um die Sterne zu berühren, und Finger, die fein genug sind, um seine eigenen Gene zu manipulieren.
OSCAR
Die wahre Meisterleistung wird nicht darin bestehen, die Zeit zu besiedeln oder unseren Kummer zu betäuben. Sie wird darin bestehen, in diesem so wunderbar wackligen und verletzlichen Zwischenraum ein gutes menschliches Leben zu leben.
Der Translokator startet neu.
ELEANOR
Was machst du, Oscar?
OSCAR
Ich gehe zurück. Ich muss diese ganze Zukunft erst einmal verdauen. Sie liegt mir schwer im Magen.
ELEANOR
Ich komme mit.
CLAUDE
Da haben wir’s. Sie gehen schon wieder. Also, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, breitet eure Flügel weit aus! Ich habe drei Fragen an euch:
- Frage eins: Wenn wir unseren Kummer und unsere Ängste von Nanorobotern beseitigen lassen, riskieren wir dann nicht, das auszulöschen, was die Einzigartigkeit und die Poesie des Menschseins ausmacht?
- Frage zwei: Was bleibt von unserem freien Willen und dem Überwinden der eigenen Grenzen, wenn Mut oder Liebe zu blossen biochemischen Reglern werden?
- Frage drei: Wenn wir uns mit den beiden Extremen verbinden möchten, wie können wir dann verhindern, dass die menschliche Dimension, die aus unvollkommenen Beziehungen, Ungewissheit und Spontaneität besteht, ganz einfach verschwindet?