Transkript
OSCAR
Eleanor, wie schick!
ELEANOR
Man reist nicht in Jogginghosen in die erweiterte Zukunft. Nimmst du den Hund mit?
CLAUDE
Oscar, sag ihr, dass ich kein Hund bin, sondern eine IWAK, eine intelligente, wandelbare und anpassungsfähige Kreatur. Meine fluide Intelligenz ermöglicht mir, die weltweite Geopolitik in drei Sekunden zu analysieren.
OSCAR
Er ist … ein bisschen eigen. Er reist gern in die Zukunft.
ELEANOR
Kommandant, wie sieht der Plan aus?
OSCAR
Gemäss den Vorgaben von Meganova werden wir zunächst die Welt der Performance erkunden. Die Erweiterer haben Konzepte erdacht, dank denen die Menschen noch leistungsfähiger werden.
CLAUDE
Ein Erweiterer ist ein Bewohner der erweiterten Zukunft.
OSCAR
Anschliessend befassen wir uns mit dem Thema Robustheit.
ELEANOR
Aber wie gelangen wir in die erweiterte Zukunft?
Muss ich in dieses runde Ding steigen?
OSCAR
Ja, das ist ein Erweiterkopter.
CLAUDE
Mit dem Erweiterkopter kann man eine Zeitreise unternehmen.
OSCAR
Es geht gleich los. Bist du bereit?
ELEANOR
Oh, das rüttelt ganz schön heftig!
OSCAR
Erster Halt: Genoptimierung. Ein Konzept zur Optimierung der genetischen Ausstattung.
ELEANOR
Aber das gibt’s doch schon. Wenn man stinkreich ist, kann man sich schöne, grosse, intelligente und vor allem gesunde Kinder bestellen.
OSCAR
Hier geht es um etwas anderes. Die Genoptimierung ermöglicht es, schon vor der Geburt einen Speicher zu konfigurieren, der wie eine Festplatte funktioniert. Das Gehirn vergisst nichts, jede Information kann in Rekordzeit abgerufen werden. Dazu kommt eine sofortige Muskelregeneration. Trödelei kennt der genoptimierte Mensch nicht. Deine zukünftigen Kinder werden Kampfmaschinen sein. Tagsüber brillante Ingenieure, nachts Olympioniken. Und alles werden sie mit nur drei Stunden Schlaf schaffen.
ELEANOR
Ganz ehrlich, Markus und ich bevorzugen Bio-Babys: nicht perfekt, an der frischen Luft grossgezogen und garantiert nicht gentechnisch verändert.
OSCAR
Ach ja, und warum? Du bist doch Wissenschaftlerin.
ELEANOR
Weil deine Kampfmaschinen so zerbrechlich wie Kristall sein werden. Ein auf Exzellenz ausgelegtes Nervensystem verträgt nicht einmal ein Sandkorn. Ein Jetlag, eine Grippe, Liebeskummer … und schon bleibt dein Bolide in der Box stehen. Durch ständige Optimierung baut man die Stossdämpfer ab.
OSCAR
Na gut. Weiter geht’s.
Antriebsgeräusch. Szenenwechsel.
In diesem Labor wird am Emoregulator gearbeitet.
CLAUDE
Ein Emoregulator gleicht Gefühlsschwankungen aus. Zum Glück gibt es mich für die Untertitelung.
ELEANOR
Ist das ein Implantat, das Gefühlsschwankungen ausgleicht?
OSCAR
Genau. Schau mal.
Schreie, Anspannung, dann eine ruhige Stimme.
Ein Geiselnehmer schreit umher und bedroht den Verhandlungsführer einer Spezialeinheit. Dieser aber bleibt ruhig, hat seine Gefühle im Griff. Sein Implantat injiziert einen Kortisolhemmer und Serotonin – und zwar genau die richtige Dosis. Er hat keine Angst. Gefällt dir das?
ELEANOR
Ja und nein. Angst ist ein Warnsignal. Sie hält dich davon ab, mit geschlossenen Augen die Autobahn zu überqueren. Schau mal …
Geräusch eines über die Ufer tretenden Flusses. Plätschern und Gurgeln.
Jetzt ist dein Vermittler in seinem Haus, das überschwemmt wird. Der Emoregulator signalisiert ihm, dass Panik kontraproduktiv ist. Daher bleibt er einfach dort, ganz ruhig. Dank der ach so tollen Technologie wird er ertrinken.
OSCAR
Na gut, einverstanden. Ich sehe, dass du in dieser Hinsicht nicht nachgeben wirst. Ich glaube, dir werden die Konzepte besser gefallen, die die Menschen robuster machen. Los geht’s, begeben wir uns auf die Entdeckungsreise zur Polykompetenz.
ELEANOR
Die was?
OSCAR
Die Polykompetenz, das Lernen für alle Fälle. Das bildungstheoretische Pendant zum Schweizer Taschenmesser bringt Allrounderinnen und Allrounder hervor, die in der Lage sind, blitzschnell von einem Fach ins andere zu wechseln.
ELEANOR
Die intellektuelle Monokultur zugunsten der Vielfalt aufgeben; ja, das ist ein interessanter Ansatz.
OSCAR
Du hast das Prinzip genau verstanden. Deine zukünftigen Kinder werden wissen, wie man einen Stromgenerator mit Büroklammern repariert, eine Platzwunde näht, in Python programmiert und im Regen ein Feuer entfacht. In Krisenzeiten wird man sie wie Könige feiern.
ELEANOR
Und wenn alles gut läuft?
OSCAR
Was meinst du genau?
ELEANOR
Na ja, wenn keine Katastrophe eintritt. Wenn es zu keinem Strom- oder Satellitenausfall kommt – was machen meine findigen Genies dann?
OSCAR
Ähm … Na ja …
ELEANOR
Sie langweilen sich zu Tode. So ist es! Die moderne Welt will Experten, keine Alleskönner. Dein polykompetenter Mensch, der von einem Thema zum andern flattert, ist in Friedenszeiten einfach fehl am Platz. Er muss wohl auf die Apokalypse warten, um sich nützlich zu fühlen.
OSCAR
Eleanor, du bist heute aber anspruchsvoll.
Na gut, ich habe noch einen letzten Vorschlag. Steigen wir ein.
Antriebsgeräusch. Szenenwechsel.
Da, das Bodydepot. Schau dir diese Männer und Frauen an.
ELEANOR
Was sollte ich denn sehen?
OSCAR
In Anlehnung an Bären, die Winterschlaf halten, wurden ihre Körper zur Überlebensreserve umfunktioniert. Wasser und Fett wurden in ihrem Gewebe eingelagert. Im Falle einer Hungersnot wird ein Überlebensmodus aktiviert. Sie können dann zwei Monate ohne Essen und Trinken auskommen.
ELEANOR
Nicht schlecht.
OSCAR
Ich wusste, dass es dir gefallen würde.
ELEANOR
Nur könnte das in einer sozialen Katastrophe münden.
OSCAR
Warum denn? Das Überleben ist doch garantiert!
ELEANOR
Wenn meine Nachbarn wissen, dass mein Bauch mein Schutzbunker ist und ich alleine überleben kann, werden sie mir nicht zu Hilfe kommen. Und auch ich werde ihnen nicht helfen. Das Bodydepot wird die Menschen zu völlig isolierten Bollwerken machen. Wir überleben zulasten der Menschlichkeit, die unserem Leben Sinn verleiht.
OSCAR
Wenn ich dich richtig verstehe, empfindest du Performance und Robustheit als Sackgassen für den Menschen.
ELEANOR
In gewisser Weise, ja. Auf der einen Seite sind die Genies, die aufgrund ihrer Fragilität beim kleinsten Stoss zerbrechen. Auf der anderen die Bären, die während einer Krise in Bunkereinsamkeit versinken.
OSCAR
Man muss den goldenen Mittelweg finden.
ELEANOR
Das wäre der Kompromiss. In diesem Bereich bedeutet das Mittelmass hoch zwei. Bedingt leistungsfähig UND durchschnittlich robust. Da wird man zum kompletten Versager. Man müsste sich den robustanten Menschen zum Vorbild nehmen.
OSCAR
Ein Mensch, der sowohl robust als auch leistungsstark ist?
ELEANOR
Genau! Und er wechselt zwischen beidem hin und her. Er ist Experte auf einem Gebiet und vielseitig einsetzbar in anderen Bereichen. Er steht mit den Füssen fest auf dem Boden und hat den Kopf in den Wolken. Er versteht es, mühelos von einem Modus in den andern überzugehen.
OSCAR
Das wird nicht einfach. Du weisst doch, dass jeder Motor bei abrupt wechselnder Drehzahl verschleisst. Die Erschöpfung, die durch das unaufhörliche Switchen zwischen Sprint- und Ruhemodus entsteht, muss begrenzt werden können.
ELEANOR
Guter Punkt. Zudem frage ich mich, ob sich alle Lebensbereiche dieser Logik des Switchens zwischen Performance und Robustheit unterwerfen lassen. Ist es auch denkbar, in Sachen Liebe, Elternschaft und Freundschaft im Sprint- und Ruhemodus zu funktionieren?
OSCAR
Ja, das ist eine berechtigte Frage. Hast du noch weitere?
ELEANOR
Ja. Wird uns die Robustheit retten oder macht sie uns zu Dinosauriern, die zu langsam sind, um ihre Beute zu fangen?
Oscar, der Hund ist verschwunden!
OSCAR
Ach, mach dir keine Sorgen um ihn, er kommt schon zurecht.
CLAUDE
«Er kommt schon zurecht.» Natürlich komme ich zurecht! Und glaubt mir, ich habe alle Hände voll zu tun. Ich programmiere den Erweiterkopter für die nächste Folge.
Der Mensch zwischen Performance und Robustheit war gewissermassen nur die Vorspeise. Oscar und Eleanor werden nun zum Hauptgang übergehen: die Gesellschaft im Spannungsfeld zwischen Performance und Robustheit. Ganz schön interessant.
Seid dabei.