Transkript
Eine Bank am Strassenrand.
ELEANOR
Oscar! Was soll dieses geheimnisvolle Treffen auf einer Bank? … Oh, hast du jetzt einen Hund?
OSCAR
Das ist der Hund meiner Schwester. Er heisst Claude.
ELEANOR
Claude? Das ist ein Name für einen Buchhalter, aber nicht für einen Hund.
CLAUDE
Das trifft sich gut. Ich bin kein Hund, sondern eine IWAK, eine intelligente, wandelbare und anpassungsfähige Kreatur. Im letzten Kapitel war ich eine Fliege, heute habe ich mich für den Golden Retriever entschieden: seidiges Fell, ultimativer Sympathieträger. Das scheint mir perfekt.
OSCAR
Eleanor, ich habe gute Nachrichten. Wir sind bei der Meganova dabei.
ELEANOR
Die Meganova! Der berühmte Wettbewerb, der es Forschern ermöglicht, in die Zukunft zu reisen. Mit welchem Forschungsprojekt hast du uns angemeldet?
OSCAR
Ich habe gesagt, dass wir das Spannungsverhältnis zwischen Performance und Robustheit untersuchen.
ELEANOR
Interessant! Die Frage ist, ob wir morgen noch leistungsfähigere Systeme bauen oder ob wir uns für mehr Robustheit entscheiden.
OSCAR
Genau.
Claude! Nicht ziehen!
CLAUDE
Wenn wir quer über diese Wiese gehen, sparen wir auf dem Weg zum Park genau 47 Sekunden. Maximale Optimierung der Spazierzeit. Übrigens muss ich euch sagen, dass ich mich mit Oscar unterhalten kann, ohne dass Eleanor mich hört. Eine Innovation meinerseits, die ich heute gleich ausprobiere.
OSCAR (leise, während er an der Leine zieht)
Ich will den Spaziergang nicht optimieren, ich will Eleanor die Meganova vorstellen.
ELEANOR
Dein Hund scheint es eilig zu haben. Ist er verabredet?
OSCAR
Nicht, dass ich wüsste. Das ist einfach der Zeitgeist. Genau wie wir ist er Opfer des Leistungswahns. Er zieht an der Leine, so wie wir ein Pferd, das bereits im Galopp ist, mit der Peitsche antreiben. Heutzutage werden wir alle gezwungen, so leistungsstark zu sein wie ein Formel-1-Bolide.
ELEANOR
Der Leistungswahn ist so alt wie die Welt! Bereits in prähistorischer Zeit musste man seinen Speer schneller werfen als die anderen, um nicht als Mittagessen einer Raubkatze zu enden.
OSCAR
Und so ging das immer weiter.
ELEANOR
Ja. Die Spartaner setzten schwächliche Neugeborene auf dem Taygetos aus. Die römischen Legionäre wiederum legten mit 40 Kilo auf dem Rücken täglich 30 Kilometer zurück.
OSCAR
Die spinnen, diese Römer!
ELEANOR
Vor allem die industrielle Revolution hat diese Leistungsbesessenheit angeheizt. Taylor, Ford … Jede Arbeit wurde in kleinste Teilprozesse zerlegt und mit der Stoppuhr gemessen. Der Mensch war nur noch ein Zahnrädchen der Maschine.
CLAUDE
Oscar. Schau mal, links von dir, ein Velokurier.
OSCAR
Ja und?
CLAUDE
Der Kurier strebt nach maximaler Effizienz. Er fährt bei Rot über die Ampel. Geschätzte Zeitersparnis: 12 Sekunden. Kollisionsrisiko: 84 Prozent.
OSCAR
Eleanor! Der Kurier da drüben … er überfährt gleich das Rotlicht.
ELEANOR
Er hat keine Wahl. Seine Fahrten werden sekundengenau gemessen. Der Management-Guru Peter Drucker sagte: «Was man nicht messen kann, kann man nicht verbessern.» Das ist heute die Regel. Amazon optimiert Lagerhallen zentimetergenau, Google misst die Server-Antwortzeit in Millisekunden. Wir leben in einer Diktatur der Zeit.
Lautes Reifenquietschen und ein Aufprall.
ELEANOR
Oh mein Gott, der Kurier!
OSCAR
Alles gut, er steht wieder auf. Dieser Sturz macht deutlich, dass ein übermässig optimiertes System störungsanfällig ist.
ELEANOR
Ja, wenn man ein Gummiband immer weiter spannt, um drei Sekunden zu gewinnen, verliert das System jegliche Flexibilität. Beim ersten Zwischenfall reisst es. Performance zieht Verletzlichkeit nach sich.
OSCAR
Das gilt für alle Gegenstände.
Da 99 Prozent der Menschen weniger als 100 Kilo wiegen, entwickelt man einen Stuhl, der bis 100 Kilo belastbar ist. An dem Tag, an dem sich der 110 Kilo schwere Onkel Helmut daraufsetzt, bricht der Stuhl zusammen.
ELEANOR
Und bei den Menschen führt der ständige Druck, immer leistungsfähiger zu sein, zu einer regelrechten Burn-out-Epidemie.
Willst du an der Meganova die Exzesse der Performance-Orientierung anprangern?
OSCAR
Das ist ein Ansatz …
ELEANOR
Gehen wir in den Park?
OSCAR
Ja, lass uns gehen.
Claude, geh voran! Was machst du denn da?
CLAUDE
Ich betrachte diese Eiche. Sie ist faszinierend in ihrer Ineffizienz. Dieser krumme Stamm, diese nutzlosen Äste.
ELEANOR
Was ist denn mit dem Hund los? Tickt er noch richtig?
OSCAR
Er … äh … er betrachtet die Eiche. Er muss wohl eine poetische Ader haben.
ELEANOR
Übrigens: Diese Eiche ist ein wahres Symbol der Robustheit. Während wir blind nach Effizienz streben, könnten wir von der Natur lernen, dass Robustheit so etwas wie eine Lebensversicherung ist. Laut dem Biologen Olivier Hamant sind Lebewesen auf Zufälligem und Ineffizienz aufgebaut, um gegen Unvorhergesehenes gewappnet zu sein.
OSCAR
Hamant hat Recht. Pflanzen verschwenden 99 Prozent der für die Fotosynthese eingefangenen Sonnenenergie. Wenn sich die Umwelt verändert, ist es gerade diese mangelnde Optimierung, die es ihnen ermöglicht, sich anzupassen.
ELEANOR
Übrigens ist auch der menschliche Körper nicht optimiert. Zwei Nieren, zwei Lungenflügel, zwei Gehirnhälften. Wir überleben sogar dann, wenn wir drei Viertel unserer Leber verlieren.
CLAUDE
Ich habe vier Pfoten. Das ist ziemlich viel, finde ich. Vielleicht könnte ich eine opfern.
OSCAR
Schwachsinn!
ELEANOR
Aber nein, das ist nicht schwachsinnig. Diese Überkapazität ist eine Jahrmillionen alte Überlebensstrategie.
OSCAR
Ja, ja. Entschuldige! Ich musste gerade an einen Freund denken, der den Bau der Pyramiden als reine Materialverschwendung kritisiert.
ELEANOR
Dein Freund hat nichts verstanden. Gerade weil enorme Mengen an Material verbaut wurden, haben die Pyramiden Jahrtausende überdauert. Die Erbauer von Kathedralen berechneten deren Gewölbe so, dass sie viel höheren Kräften standhielten als nötig. Dasselbe bei Google: Die Server halten 30 Prozent Reservekapazität bereit, um unvorhergesehene Auslastungsspitzen abfedern zu können.
CLAUDE
Eine Boeing 747 kann mit nur einem von vier Triebwerken weiterfliegen. Sicherheit wird durch die Möglichkeit gewährleistet, auf etwas verzichten zu können. Wenn ich keine Pfote opfere, könnte ich der Wissenschaft ein Ohr spenden.
OSCAR
Das ist Wahnsinn.
ELEANOR
Ganz und gar nicht. Was unter normalen Umständen verschwenderisch wirkt, wird im Krisenfall zum Rettungsanker. Performance wird an der sofortigen Gewinnsteigerung gemessen, die Robustheit hingegen an allen vermiedenen Katastrophen.
OSCAR
Das Problem ist, dass man uns in eine Alternative zwingt. Entweder sind wir ein ultraschneller Kurier, was schon am ersten überfahrenen Rotlicht böse enden kann. Oder wir sind eine unzerstörbare Pyramide, die sich nicht von der Stelle rührt.
ELEANOR
Du hast recht. Sich der Performance zu verschreiben, bedeutet, bei der geringsten Erschütterung den Zusammenbruch zu riskieren. Auf Robustheit zu setzen, bedeutet dagegen, in unserer schnelllebigen Zeit sofort abgehängt zu werden.
OSCAR
Es bräuchte eine Robustance, eine Mischung aus Performance und Robustheit.
ELEANOR
Gute Idee! Ein robustantes System wäre agil genug, um schnell voranzukommen, und stabil genug, um Stösse abzufedern. Man müsste nur das richtige Gleichgewicht zwischen Optimierung und Sicherheit finden.
OSCAR
Man müsste auch lernen, reibungslos zwischen Performance und Robustheit hin- und herzuwechseln.
ELEANOR
Wenn wir am Meganova-Wettbewerb in die Zukunft blicken, sollten wir diese Hypothese für den Menschen und die Gesellschaft testen. Und warum nicht auch für die Verteidigung.
OSCAR
Claude, reicht’s jetzt?
CLAUDE
Ich habe 150 Meter entfernt eine Bäckerei entdeckt. Ich glaube, ich wäre leistungsstark UND robust, wenn mein Körper für den Fall einer Hungersnot überschüssige Kalorien speichern würde. Ich bin mir gar nicht sicher, ob es in der erweiterten Zukunft noch Croissants geben wird.