KAP2 F1 · Das Gummiband und die Eiche

Performance oder Robustheit
24 octobre 2026
5 mins de lecture

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KAP2 F1 · Das Gummiband und die Eiche

Die erweiterte Zukunft

Performance oder Robustheit

Transkript

Eine Bank am Strassenrand.

ELEANOR

Oscar! Was soll dieses geheimnisvolle Treffen auf einer Bank? … Oh, hast du jetzt einen Hund?

OSCAR

Das ist der Hund meiner Schwester. Er heisst Claude.

ELEANOR

Claude? Das ist ein Name für einen Buchhalter, aber nicht für einen Hund.

CLAUDE

Das trifft sich gut. Ich bin kein Hund, sondern eine IWAK, eine intelligente, wandelbare und anpassungsfähige Kreatur. Im letzten Kapitel war ich eine Fliege, heute habe ich mich für den Golden Retriever entschieden: seidiges Fell, ultimativer Sympathieträger. Das scheint mir perfekt.

OSCAR

Eleanor, ich habe gute Nachrichten. Wir sind bei der Meganova dabei.

ELEANOR

Die Meganova! Der berühmte Wettbewerb, der es Forschern ermöglicht, in die Zukunft zu reisen. Mit welchem Forschungsprojekt hast du uns angemeldet?

OSCAR

Ich habe gesagt, dass wir das Spannungsverhältnis zwischen Performance und Robustheit untersuchen.

ELEANOR

Interessant! Die Frage ist, ob wir morgen noch leistungsfähigere Systeme bauen oder ob wir uns für mehr Robustheit entscheiden.

OSCAR

Genau.

Claude! Nicht ziehen!

CLAUDE

Wenn wir quer über diese Wiese gehen, sparen wir auf dem Weg zum Park genau 47 Sekunden. Maximale Optimierung der Spazierzeit. Übrigens muss ich euch sagen, dass ich mich mit Oscar unterhalten kann, ohne dass Eleanor mich hört. Eine Innovation meinerseits, die ich heute gleich ausprobiere.

OSCAR (leise, während er an der Leine zieht)

Ich will den Spaziergang nicht optimieren, ich will Eleanor die Meganova vorstellen.

ELEANOR

Dein Hund scheint es eilig zu haben. Ist er verabredet?

OSCAR

Nicht, dass ich wüsste. Das ist einfach der Zeitgeist. Genau wie wir ist er Opfer des Leistungswahns. Er zieht an der Leine, so wie wir ein Pferd, das bereits im Galopp ist, mit der Peitsche antreiben. Heutzutage werden wir alle gezwungen, so leistungsstark zu sein wie ein Formel-1-Bolide.

ELEANOR

Der Leistungswahn ist so alt wie die Welt! Bereits in prähistorischer Zeit musste man seinen Speer schneller werfen als die anderen, um nicht als Mittagessen einer Raubkatze zu enden.

OSCAR

Und so ging das immer weiter.

ELEANOR

Ja. Die Spartaner setzten schwächliche Neugeborene auf dem Taygetos aus. Die römischen Legionäre wiederum legten mit 40 Kilo auf dem Rücken täglich 30 Kilometer zurück.

OSCAR

Die spinnen, diese Römer! 

ELEANOR

Vor allem die industrielle Revolution hat diese Leistungsbesessenheit angeheizt. Taylor, Ford … Jede Arbeit wurde in kleinste Teilprozesse zerlegt und mit der Stoppuhr gemessen. Der Mensch war nur noch ein Zahnrädchen der Maschine.

CLAUDE

Oscar. Schau mal, links von dir, ein Velokurier.

OSCAR

Ja und?

CLAUDE

Der Kurier strebt nach maximaler Effizienz. Er fährt bei Rot über die Ampel. Geschätzte Zeitersparnis: 12 Sekunden. Kollisionsrisiko: 84 Prozent.

OSCAR

Eleanor! Der Kurier da drüben … er überfährt gleich das Rotlicht.

ELEANOR

Er hat keine Wahl. Seine Fahrten werden sekundengenau gemessen. Der Management-Guru Peter Drucker sagte: «Was man nicht messen kann, kann man nicht verbessern.» Das ist heute die Regel. Amazon optimiert Lagerhallen zentimetergenau, Google misst die Server-Antwortzeit in Millisekunden. Wir leben in einer Diktatur der Zeit.

Lautes Reifenquietschen und ein Aufprall.

ELEANOR

Oh mein Gott, der Kurier!

OSCAR

Alles gut, er steht wieder auf. Dieser Sturz macht deutlich, dass ein übermässig optimiertes System störungsanfällig ist.

ELEANOR

Ja, wenn man ein Gummiband immer weiter spannt, um drei Sekunden zu gewinnen, verliert das System jegliche Flexibilität. Beim ersten Zwischenfall reisst es. Performance zieht Verletzlichkeit nach sich.

OSCAR

Das gilt für alle Gegenstände.

Da 99 Prozent der Menschen weniger als 100 Kilo wiegen, entwickelt man einen Stuhl, der bis 100 Kilo belastbar ist. An dem Tag, an dem sich der 110 Kilo schwere Onkel Helmut daraufsetzt, bricht der Stuhl zusammen.

ELEANOR

Und bei den Menschen führt der ständige Druck, immer leistungsfähiger zu sein, zu einer regelrechten Burn-out-Epidemie.

Willst du an der Meganova die Exzesse der Performance-Orientierung anprangern?

OSCAR

Das ist ein Ansatz …

ELEANOR

Gehen wir in den Park?

OSCAR

Ja, lass uns gehen.

Claude, geh voran! Was machst du denn da?

CLAUDE

Ich betrachte diese Eiche. Sie ist faszinierend in ihrer Ineffizienz. Dieser krumme Stamm, diese nutzlosen Äste.

ELEANOR

Was ist denn mit dem Hund los? Tickt er noch richtig?

OSCAR

Er … äh … er betrachtet die Eiche. Er muss wohl eine poetische Ader haben.

ELEANOR

Übrigens: Diese Eiche ist ein wahres Symbol der Robustheit. Während wir blind nach Effizienz streben, könnten wir von der Natur lernen, dass Robustheit so etwas wie eine Lebensversicherung ist. Laut dem Biologen Olivier Hamant sind Lebewesen auf Zufälligem und Ineffizienz aufgebaut, um gegen Unvorhergesehenes gewappnet zu sein.

OSCAR

Hamant hat Recht. Pflanzen verschwenden 99 Prozent der für die Fotosynthese eingefangenen Sonnenenergie. Wenn sich die Umwelt verändert, ist es gerade diese mangelnde Optimierung, die es ihnen ermöglicht, sich anzupassen. 

ELEANOR

Übrigens ist auch der menschliche Körper nicht optimiert. Zwei Nieren, zwei Lungenflügel, zwei Gehirnhälften. Wir überleben sogar dann, wenn wir drei Viertel unserer Leber verlieren.

CLAUDE

Ich habe vier Pfoten. Das ist ziemlich viel, finde ich. Vielleicht könnte ich eine opfern.

OSCAR

Schwachsinn!

ELEANOR

Aber nein, das ist nicht schwachsinnig. Diese Überkapazität ist eine Jahrmillionen alte Überlebensstrategie.

OSCAR

Ja, ja. Entschuldige! Ich musste gerade an einen Freund denken, der den Bau der Pyramiden als reine Materialverschwendung kritisiert.

ELEANOR

Dein Freund hat nichts verstanden. Gerade weil enorme Mengen an Material verbaut wurden, haben die Pyramiden Jahrtausende überdauert. Die Erbauer von Kathedralen berechneten deren Gewölbe so, dass sie viel höheren Kräften standhielten als nötig. Dasselbe bei Google: Die Server halten 30 Prozent Reservekapazität bereit, um unvorhergesehene Auslastungsspitzen abfedern zu können.

CLAUDE

Eine Boeing 747 kann mit nur einem von vier Triebwerken weiterfliegen. Sicherheit wird durch die Möglichkeit gewährleistet, auf etwas verzichten zu können. Wenn ich keine Pfote opfere, könnte ich der Wissenschaft ein Ohr spenden.

OSCAR

Das ist Wahnsinn.

ELEANOR

Ganz und gar nicht. Was unter normalen Umständen verschwenderisch wirkt, wird im Krisenfall zum Rettungsanker. Performance wird an der sofortigen Gewinnsteigerung gemessen, die Robustheit hingegen an allen vermiedenen Katastrophen.

OSCAR

Das Problem ist, dass man uns in eine Alternative zwingt. Entweder sind wir ein ultraschneller Kurier, was schon am ersten überfahrenen Rotlicht böse enden kann. Oder wir sind eine unzerstörbare Pyramide, die sich nicht von der Stelle rührt.

ELEANOR

Du hast recht. Sich der Performance zu verschreiben, bedeutet, bei der geringsten Erschütterung den Zusammenbruch zu riskieren. Auf Robustheit zu setzen, bedeutet dagegen, in unserer schnelllebigen Zeit sofort abgehängt zu werden.

OSCAR

Es bräuchte eine Robustance, eine Mischung aus Performance und Robustheit.

ELEANOR

Gute Idee! Ein robustantes System wäre agil genug, um schnell voranzukommen, und stabil genug, um Stösse abzufedern. Man müsste nur das richtige Gleichgewicht zwischen Optimierung und Sicherheit finden.

OSCAR

Man müsste auch lernen, reibungslos zwischen Performance und Robustheit hin- und herzuwechseln.

ELEANOR

Wenn wir am Meganova-Wettbewerb in die Zukunft blicken, sollten wir diese Hypothese für den Menschen und die Gesellschaft testen. Und warum nicht auch für die Verteidigung.

OSCAR

Claude, reicht’s jetzt?

CLAUDE

Ich habe 150 Meter entfernt eine Bäckerei entdeckt. Ich glaube, ich wäre leistungsstark UND robust, wenn mein Körper für den Fall einer Hungersnot überschüssige Kalorien speichern würde. Ich bin mir gar nicht sicher, ob es in der erweiterten Zukunft noch Croissants geben wird.

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