KAP4 F1 · Von Heraklit bis ins Datenzeitalter

Ungewissheit und Vorhersagbarkeit
24 octobre 2026
4 mins de lecture

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KAP4 F1 · Von Heraklit bis ins Datenzeitalter

Die erweiterte Zukunft

Ungewissheit und Vorhersagbarkeit

Transkript

Die Hupe eines alten Citroën.

 

ELEANOR

Oscar, weisst du noch, dass ich geschworen habe, nie wieder in deine rollende Mülltonne einzusteigen?

 

OSCAR

Steig ein, Eleanor! Wir fahren aufs Land. Ich habe den perfekten Ort gefunden, um über Ungewissheit und Vorhersehbarkeit nachzudenken.

 

ELEANOR

Das gibt’s doch nicht – was macht denn ein Truthahn auf deinem Rücksitz?

 

OSCAR

Das ist eine Hommage an Bertrand Russell. Von diesem englischen Mathematiker und Philosophen stammt die bekannte Parabel vom Truthahn. Für das Tier endet es zwar schlecht, aber der Gedanke ist genial.

 

CLAUDE

Nur zur Klarstellung: Ich bin kein gewöhnlicher Truthahn. Ich bin eine IWAK, eine intelligente, wandelbare und anpassungsfähige Kreatur. Meine Aufgabe besteht darin, unsere beiden Forscher bei ihren Reflexionen zu leiten.

 

ELEANOR

Na los, fang an. Erzähl mir diese berühmte Parabel.

 

OSCAR

Es ist die Geschichte eines ziemlich aussergewöhnlichen Truthahns. Er analysiert gerne, was ihm die Zukunft bringt.

 

ELEANOR

Ein Truthahn, der ein bisschen wie ein Wissenschaftler denkt.

 

OSCAR

Das kann man so sagen. Jeden Morgen wird er von einem Menschen gefüttert. Der Truthahn sammelt Daten. Am 364. Tag schätzt er die Wahrscheinlichkeit, dass er auch am folgenden Tag von seinem freundlichen Menschen gefüttert wird, auf 99,7 Prozent. Er ist also optimistisch, was die Absichten der Menschen gegenüber den Truthähnen angeht.

 

ELEANOR

Lass mich raten. Der 365. Tag ist Weihnachten.

 

OSCAR

Bingo. Ofen auf 180 Grad, Maronenfüllung. Die brillanten mathematischen Schlüsse des Truthahns werden an einem einzigen Tag zunichtegemacht.

 

ELEANOR

Das ist eine schöne Parabel, aber längst Geschichte.

 

OSCAR

Das glaube ich nicht. Wir sind im Zeitalter des Datengallopavismus angekommen!

 

CLAUDE

Daten und Gallopavismus, abgeleitet vom lateinischen Wort für Truthahn, Meleagris gallopavo. Es ist der Glaube daran, dass man die Zukunft vorhersagen kann, indem man digitale Daten sammelt.

 

ELEANOR

Ich verstehe, worauf du hinauswillst. Heute sind wir genauso dumm wie die Truthähne. Wir glauben, dass die Zukunft dank der künstlichen Intelligenz, die unsere Berge an digitalen Daten speichert und sortiert, bald keine Geheimnisse mehr für uns bereithält.

 

CLAUDE

Oh, Schluss mit den Vorurteilen gegenüber Hühnervögeln. Wusstet ihr, dass Truthähne 28 verschiedene Laute haben, von denen jeder eine ganz bestimmte Bedeutung hat?

 

ELEANOR

Faszinierend, danke Claude. Doch beschäftigen wir uns nun mit des Pudels Kern. Oder des Truthahns Kern von mir aus. Wie ist die Menschheit denn in der Vergangenheit mit dieser Besessenheit umgegangen, alles vorhersehen zu wollen?

 

OSCAR

Schon seit der Antike zeigt die Welt dem Menschen zwei Gesichter. Einerseits ist die Natur mit ihren vorhersehbaren Zyklen beruhigend. Wir erleben die wiederkehrenden Jahreszeiten; die Bewegungen der Himmelskörper scheinen unveränderlich. Andererseits gibt es Unvorhersehbares: Stürme, Pandemien und Kriege. Nichts scheint im Voraus festzustehen.

 

ELEANOR

Ja. Das ist der grosse Kampf der vorsokratischen Philosophen! In der linken Ecke haben wir Heraklit mit seinem berühmten Zitat: «Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen.» Für ihn verändert sich alles ständig. Die Ungewissheit ist das Wesen der Welt. Weisheit bedeutet, dies zu akzeptieren.

 

OSCAR

In der rechten Ecke steht Parmenides, der Verfechter der Unveränderlichkeit. Für ihn ist der Wandel, den wir wahrnehmen, nur eine Täuschung unserer Sinne. Die Realität ist beständig. Das Chaos ist lediglich auf unsere Unfähigkeit zurückzuführen, richtig zu rechnen.

 

Der Motor des Citroën hustet, stottert und scheint zu ersticken.

 

ELEANOR

Oh nein, Oscar. Sag mir nicht, dass wir schon wieder eine Panne haben!

 

CLAUDE

Keine Panik, liebe Forscher. Es ist nur der Zeitsprung ins 17. Jahrhundert, der euch ein bisschen durchschüttelt.

 

ELEANOR

Na gut, weiter geht’s.

 

OSCAR

Also, mit Galileo, Kepler und Newton kippte die Waagschale in Richtung der Vorhersehbarkeit.

 

ELEANOR

Der berühmte Determinismus. Die Gegenwart bestimmt die Zukunft.

 

OSCAR

Genau. Pierre-Simon Laplace hat dieses Konzept auf die Spitze getrieben. Seiner Ansicht nach wäre die Zukunft so klar wie die Vergangenheit, wenn eine Intelligenz die Position und die Kraft jedes Atoms im Universum zu einem Zeitpunkt T kennen würde. Unsicherheit ist also nur die Folge unserer Unwissenheit.

 

ELEANOR

Nur dass im 19. Jahrhundert wieder alles über den Haufen geworfen wird. Mit dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik und der Entropie erschüttert Rudolf Clausius das bestehende Weltbild.

 

CLAUDE

Gemäss dem Grundsatz der Entropie tendiert das Universum von Natur aus zur Unordnung.

 

ELEANOR

Ja, ein aufgeräumtes Zimmer wird mühelos zum Chaos, aber das Gegenteil passiert nie. Ein Eiswürfel schmilzt in heissem Wasser, aber heisses Wasser bildet nie einen Eiswürfel. Man kann seinen Milchkaffee nicht wieder «entmischen». Bei der Entropie gewinnt das Chaos immer; die Zeit kann nicht zurückgedreht werden.

 

Ein elektrisches Knistern, wie bei einem Kurzschluss.

 

Was ist denn jetzt schon wieder los?

 

CLAUDE

Nur ein Abstecher ins 20. Jahrhundert.

 

OSCAR

Die Quantenmechanik kommt ins Spiel. Die Ungewissheit ist kein Mangel unserer Mikroskope. Sie ist der Realität inhärent.

 

ELEANOR

Was redest du da?

 

OSCAR

Ich spreche von der Heisenbergschen Unschärferelation, die besagt: «Es ist unmöglich, den Ort und den Impuls eines Teilchens gleichzeitig genau zu bestimmen.»

 

ELEANOR

Oh ja, Albert Einstein war ausser sich vor Wut. Von da stammt sein berühmter Ausspruch: «Gott würfelt nicht.» Er lehnte die Vorstellung eines grundsätzlich zufälligen Universums ab.

 

Flügelschlagen.

 

ELEANOR

Was ist das für ein Geräusch? Hat dein Truthahn Angst, gefressen zu werden?

 

CLAUDE

Sehr witzig. Das ist der Flügelschlag des berühmtesten Schmetterlings der Wissenschaft.

 

OSCAR

Ich weiss, wovon du sprichst. 1961 machte der Meteorologe Edward Lorenz eine zufällige Entdeckung. Als er eine Wettersimulation auf seinem Computer neu startete und dabei die Ausgangsdaten leicht rundete, war das Ergebnis ein vollständig anderes.

 

ELEANOR

Der legendäre Schmetterlingseffekt! Ein Flügelschlag in Brasilien kann einen Tornado in Texas auslösen.

 

OSCAR

Genau. Das ist das deterministische Chaos. Die Gleichungen sind bekannt, doch eine winzige Abweichung am Anfang kann gigantische Folgen haben. Determinismus ist also nicht mehr gleichbedeutend mit Vorhersehbarkeit.

 

ELEANOR

Und um unsere Illusion, die Zukunft kontrollieren zu können, endgültig zu zerstören, brachten die 80er-Jahre die komplexen Systeme mit sich.

 

CLAUDE

Aber Achtung: Man sollte «komplex» nicht mit «kompliziert» verwechseln.

 

ELEANOR

Ganz richtig. Ein Flugzeug oder eine Schweizer Uhr sind kompliziert. Doch wenn man sie auseinanderbaut, versteht man, wie sie funktionieren. Aber ein Ökosystem, das Klima oder die Finanzmärkte sind komplex. Ihre Elemente interagieren, was unvorhersehbare Kettenreaktionen auslöst.

 

OSCAR

Die Erkenntnis dieser Komplexität hätte uns zu grösster Vorsicht gegenüber der Zukunft veranlassen sollen. Wenn die Welt ein Gewebe aus sich verändernden Wechselwirkungen ist, herrscht Unsicherheit. Doch unser menschliches Verlangen nach Kontrolle ist viel zu stark.

 

CLAUDE

Und damit schliesst sich der Kreis! Um diese schreckliche Angst vor dem Unbekannten zu mildern, habt ihr euch kopfüber in eine neue Religion gestürzt. Die Daten! Da ihr die Zukunft nicht vorhersagen könnt, redet ihr euch ein, dass euch dafür nur ein paar Terabyte an zusätzlichen Daten fehlen.

 

ELEANOR

Der berühmte Datengallopavismus, von dem zu Beginn der Reise die Rede war!

 

Bremsen des Autos auf Kies, leises Gluckern des Truthahns.

 

OSCAR

Ja, der Kreis schliesst sich. Das trifft sich gut, wir sind am Bauernhof angekommen. Hilfst du mir, den Truthahn auszuladen?

 

CLAUDE

Ich komme ganz gut allein zurecht. Übrigens, zum Weihnachtsessen braucht ihr mich nicht einzuladen. Ich habe schon etwas anderes vor.

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