Transkript
Die Türen des Citroën quietschen und werden zugeknallt. Geräusch von Stiefeln auf dem Kies. Fernes Gackern und Wind in den Bäumen.
ELEANOR
Ah, frische Luft! Natur! Kuhmist! Dieser Nachmittag auf dem Bauernhof war eine grossartige Idee, Oscar.
OSCAR
Eleanor, schau dir dieses prächtige Geflügel im Gehege an. Der Truthahn inspiriert mich dazu, über das Verhältnis des Menschen zu Vorhersagen nachzudenken.
CLAUDE
Da seid ihr ja wieder, ihr Forscher. Ich möchte euch daran erinnern, dass ich eine IWAK, eine intelligente, wandelbare und anpassungsfähige Kreatur bin, die vorübergehend die Form eines Truthahns angenommen hat.
OSCAR
Ich habe Lust auf ein Gedankenexperiment. Stellen wir uns einmal vor, dass eine wundersame Technologie uns die Zukunft bis ins kleinste Detail vorhersagen könnte.
ELEANOR
Warum nicht? Wir sind es gewohnt, Vorhersagen zu treffen. Unser Gehirn erstellt ständig Modelle der Welt, Vorstellungen vom zukünftigen Gang der Dinge.
OSCAR
Du erhältst also eine Nachricht, in der steht: «Morgen um 14.23 Uhr stösst du mit einer Person mit blonden Haaren zusammen. Siebzehn Monate und drei Tage später heiratet ihr. Ihr bekommt drei Kinder. Mit 52 Jahren beträgt dein Vermögen 2,3 Millionen Euro. Im Jahr darauf verlierst du es beim Glücksspiel. Später lässt du dich scheiden und im Alter von X Jahren stirbst du.»
ELEANOR
Schon gut. Ich hab’s verstanden. Der Reiz des Unerwarteten geht verloren. Die Liebe auf den ersten Blick ist nicht mehr romantisch, wenn sie von einer App angekündigt wird.
OSCAR
Die Science-Fiction beschäftigt sich oft mit diesem Thema. Und die Schlussfolgerung ist immer dieselbe: Die Zukunft zu kennen bedeutet, sich selbst zu verlieren.
ELEANOR
Hast du Beispiele?
OSCAR
Nehmen wir einmal «Dune», den Klassiker von Frank Herbert. Paul Atreides konsumiert die wertvolle Substanz «Spice». Sie ermöglicht es ihm, in die Zukunft zu sehen. Eine geniale Superkraft, oder?
ELEANOR
Eher ein ziemlich vergiftetes Geschenk.
OSCAR
Ja. Je mehr verschiedene Varianten der Zukunft Paul sieht, desto mehr verliert er seine Menschlichkeit. Er wird zu einem kalten Strategen. Jede Entscheidung wird von seinen Visionen bestimmt. Er sagt: «Je mehr ich meine Macht nutze, desto stärker werde ich ein Gefangener der Vision.» Er ist zum Outcome Prisoner geworden.
CLAUDE
Outcome Prisoner, also ein Gefangener einer bereits bekannten Zukunft.
ELEANOR
Das ist ja furchtbar. Nimm deinen Mantel mit, Oscar, es wird regnen.
OSCAR
Warum sagst du das? Der Himmel ist blau.
ELEANOR
Schau dir die Herde dort drüben an. Die Schafe drängen sich eng zusammen. Die Pferde haben sich unter Bäume gestellt und die Kühe haben sich hingelegt.
OSCAR
Gute Beobachtung. Doch um noch einmal auf die Fiktion zurückzukommen: Da gibt es auch den Film «Next». Nicolas Cage spielt darin Cris Johnson, einen Mann, der zwei Minuten in seine eigene Zukunft sehen kann. Er weicht Kugeln aus, räumt im Casino ab. Aber es gibt einen grossen Haken.
ELEANOR
Er lebt nie im Hier und Jetzt!
CLAUDE
Das ist das typische Profil eines Gegenwartsvermeiders. Ein Mensch auf der ewigen Flucht vor seiner eigenen Gegenwart.
ELEANOR
Ich stelle mir das zu Hause vor. Markus wüsste schon, was ich sagen will, noch bevor ich den Mund aufmache. Ich bin nicht sehr optimistisch, dass unsere Beziehung das überleben würde.
Grunzen von Schweinen.
Aha, es wird kühler.
OSCAR
Schon wieder eine tierische Vorhersage?
ELEANOR
Auf jeden Fall. Die Schweine schieben gerade Stroh und Blätter zusammen. Apropos «schon wieder»: Erinnerst du dich an den Film «Und täglich grüsst das Murmeltier»?
OSCAR
Oh ja. Ein Wettermoderator steckt in einer Zeitschleife fest. Er erlebt den 2. Februar immer wieder von Neuem.
ELEANOR
Genau. Bei jeder Wiederholung ändert sich seine Gemütsverfassung, erst Unglaube, dann Verzweiflung. Schliesslich begreift er, dass dieser Tag, der sich in Endlosschleife wiederholt, zu einem Ort der persönlichen Weiterentwicklung werden kann.
CLAUDE
Solche Menschen nennt man Loopigatoren, in der Navigation in Zeitschleifen bewanderte Menschen.
OSCAR
Das gleiche Prinzip findet sich in «Replay» von Ken Grimwood. Jeff stirbt mit 43 Jahren und erwacht als 18-Jähriger. Er durchlebt sein Leben immer wieder. Er wird reich, verliebt sich und stirbt dann erneut. Bei jeder Schleife überkommt ihn ein Gefühl der Sinnlosigkeit.
ELEANOR
Welche Schlussfolgerungen ziehst du aus all diesen Filmen?
OSCAR
Ich sehe drei Paradoxa:
Erstens: das Paradoxon der Freiheit. Je mehr wir über die Zukunft wissen, desto weniger sind wir frei, sie zu leben.
Zweitens: das Paradoxon des Glücks. Zu wissen, dass wir in Zukunft glücklich sein werden, nimmt uns die Freude am Hier und Jetzt.
Drittens: das Paradoxon der Weisheit. Wer die Zukunft kennt, verfällt immer in eine Depression.
ELEANOR
Was mir Sorgen bereitet, ist, dass die Fiktion immer mehr zur Realität wird. Vorhersagealgorithmen sind allgegenwärtig. Wenn eine Software vorhersagt, dass ein Schüler durchfallen wird, gibt der Lehrer ihn unbewusst auf. Das ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.
OSCAR
Um zu vermeiden, dass wir von der Technologie erdrückt werden, müssen wir die Ungewissheit akzeptieren! Das ist die unabdingbare Voraussetzung für unsere Freiheit. Wir müssen in der Gegenwart leben, anstatt in die Zukunftsvorstellungen zu flüchten. Und vor allem müssen wir verstehen, dass sich ein komplexes System niemals durch Statistiken zähmen lässt.
ELEANOR
Meine Ungewissheit ist, ob dein Citroën wieder anspringen wird.
Geräusch von sich öffnenden Autotüren.
Lässt du den Truthahn hier?
OSCAR
Schau ihn dir an, er scheint sich wohlzufühlen inmitten seiner Artgenossen. Er hat seinen Platz gefunden.
Geräusch von zuschlagenden Autotüren. Stotternder Motor.
CLAUDE
Wie bitte? Er fühlt sich hier wohl? Hey, ihr Forscher! Kommt zurück! Ich bin eine intelligente, wandelbare und anpassungsfähige Kreatur, kein Weihnachtsessen! Ach, diese menschliche Undankbarkeit.
In der Zwischenzeit schliesse ich diese Folge ab und gebe euch drei Fragen zum Nachdenken mit. Und hört gut zu, ich werde sie euch nicht zweimal vorgluckern:
- Frage eins: Wenn ihr eure Zukunft mit Sicherheit kennen könntet, würdet ihr sie wirklich wissen oder lieber die Ungewissheit bewahren wollen?
- Frage zwei: Ist die Ungewissheit für euch ein angsteinflössender Feind oder die unverzichtbare Voraussetzung für eure Freiheit?
- Frage drei: Wie können wir in einer algorithmischen Gesellschaft, die uns totale Kontrolle verspricht, unsere Fähigkeit pflegen, das Unvorhergesehene zu schätzen?