KAP3 F1 · Von der Anpassung zur Verdrängung

Mensch oder Maschine
24 octobre 2026
4 mins de lecture

← zurück      weiter →

KAP3 F1 · Von der Anpassung zur Verdrängung

Die erweiterte Zukunft

Mensch oder Maschine

Transkript

OSCAR

Eleanor, was schleppst du da in diesem Glas mit dir herum? Es scheint ein Lebewesen zu sein.

 

ELEANOR

Das ist Claude, Marcus’ Tintenfisch. Er will, dass ich ihn in die erweiterte Vergangenheit mitnehme. Angeblich ist er dort zur Welt gekommen.

 

OSCAR

Die erweiterte Vergangenheit? Was ist denn das?

 

ELEANOR

Ein Vergnügungspark mit Fahrgeschäften, mit denen man in die Vergangenheit reisen kann.

 

OSCAR

Moment mal, du willst mit einem Tintenfisch auf den Jahrmarkt gehen? Es ist schon verrückt, wozu einen die Liebe treibt. Na ja, egal. Jedenfalls sieht dein Oktopus ziemlich nervös aus.

 

CLAUDE

Natürlich bin ich nervös. Und ich bin weder ein Tintenfisch noch ein Oktopus. Ich bin eine IWAK, eine intelligente, wandelbare und anpassungsfähige Kreatur, die beschlossen hat, die Gestalt eines Oktopus anzunehmen – ein kleiner Unterschied. Ich helfe den Forschern dabei, über die erweiterte Zukunft nachzudenken. Ohne mich wären sie verloren.

 

OSCAR

Der Oktopus spricht!!

 

ELEANOR

Na ja, du sprichst doch auch. Komm, begleite mich. Es gibt jede Menge Attraktionen, die die Entwicklung der Beziehung zwischen Mensch und Maschine zeigen.

 

OSCAR

Ich bin kein grosser Fan von Fahrgeschäften.

 

ELEANOR

Es geht letztlich um unseren Untersuchungsgegenstand, Oscar! Das wird uns wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen. Los, auf geht’s!

 

Fern erklingende Jahrmarktsmusik.

 

OSCAR

Eleanor, warte! Was machst du da?

 

ELEANOR

Na ja, ich folge dem Oktopus! Schau mal, er hat sich gerade in diesen Wagen geschlichen, der wie ein riesiger Faustkeil aussieht. Wow, schaut mal diese Funken!

 

Geräusch vom Behauen eines Steins.

 

CLAUDE

Willkommen an Bord! Ihr solltet wissen: Vom ersten Faustkeil bis zur generativen KI ist eure Geschichte untrennbar mit euren Werkzeugen verbunden. Der Mensch hat schon immer Technik gebraucht, um zu überleben, sich weiterzuentwickeln und über sich hinauszuwachsen.

 

OSCAR

Claude hat nicht Unrecht. Alles begann vor 3 Millionen Jahren. Das Werkzeug war zunächst eine einfache Verlängerung der Hand.

 

ELEANOR

Genau. Es verlängerte den Körper, es erweiterte die Fähigkeiten. Und später entdeckte der Mensch die Mechanik. Hebel, Flaschenzüge und so weiter. Damit vervielfachte man die Kraft.

 

OSCAR

Ah, der Traum von Archimedes: «Gebt mir einen festen Punkt, und ich hebe die Welt aus den Angeln.»

 

ELEANOR

Doch da fing der Mensch an, Aufgaben zu delegieren. Der Müller mahlte sein Getreide nicht mehr selbst, sondern überwachte die Mühle, die an seiner Stelle arbeitete. Aber wo ist er denn hin?! Ach, ich rede und rede und jetzt ist der Oktopus verschwunden!

 

Schrilles Pfeifen eines Dampfmotors. Das rhythmische Geräusch schwerer Kolben in einer Fabrik.

 

OSCAR

Nein, schau mal, er ist in diese Dampfmaschine gekrochen. Das muss das Karussell der Industriellen Revolution sein. Oh, das rüttelt ganz schön!

 

CLAUDE

Haltet euch fest. Hier ändern sich die Verhältnisse radikal. Henry Ford sagte: «Wie kommt es, dass, wenn ich ein Paar Hände will, man mir auch einen Menschen bringt?»

 

ELEANOR

Das ist ja nett von diesem Ford.

 

OSCAR

Ja, man muss zugeben, dass das sehr grenzwertig ist, aber der gute alte Ford war unglaublich effizient. Der Arbeiter wurde zum Sklaven der Maschine. Er passte sich ihrem Rhythmus und ihrem Tempo an. Die Maschine diente nicht mehr dem Menschen, sondern der Mensch der Maschine.

 

ELEANOR

Genau. Wie Marx sagte: «In Manufaktur und Handwerk bedient sich der Arbeiter des Werkzeugs, in der Fabrik dient er der Maschine.»

 

OSCAR

Das war die erste grosse Welle der Verdrängung. Die Webstühle ersetzten die Weber. Die Erntemaschinen ersetzten die Bauern. Und was ist mit dem qualifizierten Handwerk, wirst du mich fragen? Vorbei.

 

ELEANOR

Schnell! Oscar, komm runter. Der Oktopus kriecht zum Riesenrad.

 

Ein Oktopus, der sich auf ein Riesenrad zubewegt.

 

OSCAR

Da steige ich nicht ein, ich habe Höhenangst.

 

ELEANOR

Du bist Forscher, Oscar! Ein Forscher hat keine Angst vor der Höhe. Komm schon, steig ein! Schau nach unten. Wir sind Zeugen der Erfindung der Fotografie. Lustig, all diese Maler, die in Panik geraten.

 

CLAUDE

Ja, die Maschine begnügte sich nicht mit den Fabriken. Sie sorgte auch in der Kunst für Chaos.

 

OSCAR

Porträts waren ihr Broterwerb. Die Fotografie bedrohte ihr Einkommen.

 

ELEANOR

Man glaubt immer, es sei das Ende der Welt, wenn eine neue Technologie aufkommt. Dabei ist es oft nur der Anfang einer neuen Welt.

 

OSCAR

Das stimmt. Ohne die Fotografie hätten die Expressionisten die Formen nicht verzerrt, Van Gogh hätte den Himmel nicht in Flammen stehen lassen und die Kubisten hätten nicht mit der klassischen Perspektive gebrochen.

 

Pause. 

 

Oh nein. Der Oktopus macht sich wieder auf den Weg. Er begibt sich gerade in eine Attraktion. Was – was ist das denn? Ein Geistercomputer?

 

CLAUDE

Das sind die 80er-Jahre. Nachdem die Maschine die Muskelkraft ersetzt hatte, eroberte sie das Reich des Denkens.

 

ELEANOR

Du hast doch nicht etwa Angst davor, den Geistercomputer zu betreten, oder?

 

OSCAR

Na ja. Das wahre Gespenst ist der Computer selbst. Er hat uns seine Formate und seine binäre Logik aufgezwungen. Er zwingt uns, Formulare auszufüllen, zu klicken und seinen vordefinierten Pfaden zu folgen.

 

ELEANOR

Genau. Was eigentlich ein Hilfsmittel für uns werden sollte, wurde zu einer Schablone. Der Computer standardisiert unser Denken!

 

OSCAR

Warte kurz, die Kulisse verändert sich. Der Computer leuchtet überall auf. Das ist seltsam.

 

CLAUDE

Willkommen im Zeitalter der künstlichen Intelligenz!

 

OSCAR

Die KI bedeutet einen Wandel. Die Maschine begnügt sich nicht mehr damit, Befehle auszuführen. Sie analysiert, lernt und entscheidet.

 

ELEANOR

Die Folge ist eine neue Verdrängungswelle. In Buchhaltung und Übersetzung werden Menschen durch Software ersetzt.

 

OSCAR

Und Radiologinnen und Radiologen stehen im Wettbewerb mit KI-Systemen, die Krebserkrankungen besser erkennen als sie.

 

Claude

Und da ist sie: die generative KI.

 

ELEANOR

Der grosse Schock. Die Maschinen sprechen unsere Sprache.

 

OSCAR

Das ist schier unglaublich. Zum ersten Mal unterhält sich der Mensch mit einem Nicht-Menschen. Er vertraut ihm seine Sorgen an. Und die Maschine antwortet – als ob sie ihn verstehen würde.

 

ELEANOR

Sie ahmt das Denken so gut nach, dass man nicht mehr weiss, wo die Simulation aufhört und wo die Intelligenz beginnt.

 

OSCAR

Eigentlich versteht sie gar nichts. Aber die Nachahmung ist so perfekt, dass man den Unterschied nicht mehr erkennt.

 

ELEANOR

Die Frage ist: Wie sollen wir uns jetzt verhalten?

 

Geräusch eines Spielautomaten oder eines sich drehenden Glücksrads.

 

Claude

Endstation, alle aussteigen. Willkommen zum Spiel um die Zukunft von Mensch und Maschine. Machen Sie Ihren Einsatz!

 

Das Rad dreht sich.

 

Option 1: Mit der Maschine eins werden. 

 

ELEANOR

Frei nach Elon Musk: «Wenn Sie die Maschine nicht schlagen können, dann werden Sie am besten eine.»

 

Claude

Option 2: Verschwinden.

 

OSCAR

Nicht gerade erfreulich. Aber die Zahlen sprechen für sich: 90 Prozent der heutigen Arbeitsplätze sind bis 2050 automatisierbar.

 

Claude

Option 3: Intelligente Zusammenarbeit.

 

ELEANOR

Ich entscheide mich für Option 3! Wir entscheiden, was wir Menschen für uns behalten und was wir der Maschine überlassen.

 

OSCAR

Wenn sie uns von sich wiederholenden Aufgaben befreit, hätten wir vielleicht mehr Zeit für Verbundenheit, Empathie, Intuition oder die Suche nach dem Sinn des Lebens. Kurz gesagt: Wir könnten menschlicher werden.

 

Claude

Na gut, ihr Menschen, ich habe noch eine letzte Frage: Könntet ihr besser leben, besser lieben und besser denken, wenn ihr euer Bewusstsein mit Maschinen teilen würdet?

 

OSCAR

Ganz ehrlich? Ich habe keine Ahnung.

 

ELEANOR

Ich nehme an, das ist das Thema unserer nächsten Etappe. Hey Claude! Oh nein, er ist schon wieder weg, wohin geht er denn?

 

OSCAR

Er ist dort drüben verschwunden. Komm! Mir nach!

Das Buch

Laisser un commentaire

Your email address will not be published.

Ce site utilise Akismet pour réduire les indésirables. Découvrez comment les données de vos commentaires sont traitées.

Article précédent

KAP3 F2 · Geteiltes Bewusstsein

Article suivant

KAP4 F1 · Von Heraklit bis ins Datenzeitalter