Transkript
OSCAR
Eleanor, was schleppst du da in diesem Glas mit dir herum? Es scheint ein Lebewesen zu sein.
ELEANOR
Das ist Claude, Marcus’ Tintenfisch. Er will, dass ich ihn in die erweiterte Vergangenheit mitnehme. Angeblich ist er dort zur Welt gekommen.
OSCAR
Die erweiterte Vergangenheit? Was ist denn das?
ELEANOR
Ein Vergnügungspark mit Fahrgeschäften, mit denen man in die Vergangenheit reisen kann.
OSCAR
Moment mal, du willst mit einem Tintenfisch auf den Jahrmarkt gehen? Es ist schon verrückt, wozu einen die Liebe treibt. Na ja, egal. Jedenfalls sieht dein Oktopus ziemlich nervös aus.
CLAUDE
Natürlich bin ich nervös. Und ich bin weder ein Tintenfisch noch ein Oktopus. Ich bin eine IWAK, eine intelligente, wandelbare und anpassungsfähige Kreatur, die beschlossen hat, die Gestalt eines Oktopus anzunehmen – ein kleiner Unterschied. Ich helfe den Forschern dabei, über die erweiterte Zukunft nachzudenken. Ohne mich wären sie verloren.
OSCAR
Der Oktopus spricht!!
ELEANOR
Na ja, du sprichst doch auch. Komm, begleite mich. Es gibt jede Menge Attraktionen, die die Entwicklung der Beziehung zwischen Mensch und Maschine zeigen.
OSCAR
Ich bin kein grosser Fan von Fahrgeschäften.
ELEANOR
Es geht letztlich um unseren Untersuchungsgegenstand, Oscar! Das wird uns wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen. Los, auf geht’s!
Fern erklingende Jahrmarktsmusik.
OSCAR
Eleanor, warte! Was machst du da?
ELEANOR
Na ja, ich folge dem Oktopus! Schau mal, er hat sich gerade in diesen Wagen geschlichen, der wie ein riesiger Faustkeil aussieht. Wow, schaut mal diese Funken!
Geräusch vom Behauen eines Steins.
CLAUDE
Willkommen an Bord! Ihr solltet wissen: Vom ersten Faustkeil bis zur generativen KI ist eure Geschichte untrennbar mit euren Werkzeugen verbunden. Der Mensch hat schon immer Technik gebraucht, um zu überleben, sich weiterzuentwickeln und über sich hinauszuwachsen.
OSCAR
Claude hat nicht Unrecht. Alles begann vor 3 Millionen Jahren. Das Werkzeug war zunächst eine einfache Verlängerung der Hand.
ELEANOR
Genau. Es verlängerte den Körper, es erweiterte die Fähigkeiten. Und später entdeckte der Mensch die Mechanik. Hebel, Flaschenzüge und so weiter. Damit vervielfachte man die Kraft.
OSCAR
Ah, der Traum von Archimedes: «Gebt mir einen festen Punkt, und ich hebe die Welt aus den Angeln.»
ELEANOR
Doch da fing der Mensch an, Aufgaben zu delegieren. Der Müller mahlte sein Getreide nicht mehr selbst, sondern überwachte die Mühle, die an seiner Stelle arbeitete. Aber wo ist er denn hin?! Ach, ich rede und rede und jetzt ist der Oktopus verschwunden!
Schrilles Pfeifen eines Dampfmotors. Das rhythmische Geräusch schwerer Kolben in einer Fabrik.
OSCAR
Nein, schau mal, er ist in diese Dampfmaschine gekrochen. Das muss das Karussell der Industriellen Revolution sein. Oh, das rüttelt ganz schön!
CLAUDE
Haltet euch fest. Hier ändern sich die Verhältnisse radikal. Henry Ford sagte: «Wie kommt es, dass, wenn ich ein Paar Hände will, man mir auch einen Menschen bringt?»
ELEANOR
Das ist ja nett von diesem Ford.
OSCAR
Ja, man muss zugeben, dass das sehr grenzwertig ist, aber der gute alte Ford war unglaublich effizient. Der Arbeiter wurde zum Sklaven der Maschine. Er passte sich ihrem Rhythmus und ihrem Tempo an. Die Maschine diente nicht mehr dem Menschen, sondern der Mensch der Maschine.
ELEANOR
Genau. Wie Marx sagte: «In Manufaktur und Handwerk bedient sich der Arbeiter des Werkzeugs, in der Fabrik dient er der Maschine.»
OSCAR
Das war die erste grosse Welle der Verdrängung. Die Webstühle ersetzten die Weber. Die Erntemaschinen ersetzten die Bauern. Und was ist mit dem qualifizierten Handwerk, wirst du mich fragen? Vorbei.
ELEANOR
Schnell! Oscar, komm runter. Der Oktopus kriecht zum Riesenrad.
Ein Oktopus, der sich auf ein Riesenrad zubewegt.
OSCAR
Da steige ich nicht ein, ich habe Höhenangst.
ELEANOR
Du bist Forscher, Oscar! Ein Forscher hat keine Angst vor der Höhe. Komm schon, steig ein! Schau nach unten. Wir sind Zeugen der Erfindung der Fotografie. Lustig, all diese Maler, die in Panik geraten.
CLAUDE
Ja, die Maschine begnügte sich nicht mit den Fabriken. Sie sorgte auch in der Kunst für Chaos.
OSCAR
Porträts waren ihr Broterwerb. Die Fotografie bedrohte ihr Einkommen.
ELEANOR
Man glaubt immer, es sei das Ende der Welt, wenn eine neue Technologie aufkommt. Dabei ist es oft nur der Anfang einer neuen Welt.
OSCAR
Das stimmt. Ohne die Fotografie hätten die Expressionisten die Formen nicht verzerrt, Van Gogh hätte den Himmel nicht in Flammen stehen lassen und die Kubisten hätten nicht mit der klassischen Perspektive gebrochen.
Pause.
Oh nein. Der Oktopus macht sich wieder auf den Weg. Er begibt sich gerade in eine Attraktion. Was – was ist das denn? Ein Geistercomputer?
CLAUDE
Das sind die 80er-Jahre. Nachdem die Maschine die Muskelkraft ersetzt hatte, eroberte sie das Reich des Denkens.
ELEANOR
Du hast doch nicht etwa Angst davor, den Geistercomputer zu betreten, oder?
OSCAR
Na ja. Das wahre Gespenst ist der Computer selbst. Er hat uns seine Formate und seine binäre Logik aufgezwungen. Er zwingt uns, Formulare auszufüllen, zu klicken und seinen vordefinierten Pfaden zu folgen.
ELEANOR
Genau. Was eigentlich ein Hilfsmittel für uns werden sollte, wurde zu einer Schablone. Der Computer standardisiert unser Denken!
OSCAR
Warte kurz, die Kulisse verändert sich. Der Computer leuchtet überall auf. Das ist seltsam.
CLAUDE
Willkommen im Zeitalter der künstlichen Intelligenz!
OSCAR
Die KI bedeutet einen Wandel. Die Maschine begnügt sich nicht mehr damit, Befehle auszuführen. Sie analysiert, lernt und entscheidet.
ELEANOR
Die Folge ist eine neue Verdrängungswelle. In Buchhaltung und Übersetzung werden Menschen durch Software ersetzt.
OSCAR
Und Radiologinnen und Radiologen stehen im Wettbewerb mit KI-Systemen, die Krebserkrankungen besser erkennen als sie.
Claude
Und da ist sie: die generative KI.
ELEANOR
Der grosse Schock. Die Maschinen sprechen unsere Sprache.
OSCAR
Das ist schier unglaublich. Zum ersten Mal unterhält sich der Mensch mit einem Nicht-Menschen. Er vertraut ihm seine Sorgen an. Und die Maschine antwortet – als ob sie ihn verstehen würde.
ELEANOR
Sie ahmt das Denken so gut nach, dass man nicht mehr weiss, wo die Simulation aufhört und wo die Intelligenz beginnt.
OSCAR
Eigentlich versteht sie gar nichts. Aber die Nachahmung ist so perfekt, dass man den Unterschied nicht mehr erkennt.
ELEANOR
Die Frage ist: Wie sollen wir uns jetzt verhalten?
Geräusch eines Spielautomaten oder eines sich drehenden Glücksrads.
Claude
Endstation, alle aussteigen. Willkommen zum Spiel um die Zukunft von Mensch und Maschine. Machen Sie Ihren Einsatz!
Das Rad dreht sich.
Option 1: Mit der Maschine eins werden.
ELEANOR
Frei nach Elon Musk: «Wenn Sie die Maschine nicht schlagen können, dann werden Sie am besten eine.»
Claude
Option 2: Verschwinden.
OSCAR
Nicht gerade erfreulich. Aber die Zahlen sprechen für sich: 90 Prozent der heutigen Arbeitsplätze sind bis 2050 automatisierbar.
Claude
Option 3: Intelligente Zusammenarbeit.
ELEANOR
Ich entscheide mich für Option 3! Wir entscheiden, was wir Menschen für uns behalten und was wir der Maschine überlassen.
OSCAR
Wenn sie uns von sich wiederholenden Aufgaben befreit, hätten wir vielleicht mehr Zeit für Verbundenheit, Empathie, Intuition oder die Suche nach dem Sinn des Lebens. Kurz gesagt: Wir könnten menschlicher werden.
Claude
Na gut, ihr Menschen, ich habe noch eine letzte Frage: Könntet ihr besser leben, besser lieben und besser denken, wenn ihr euer Bewusstsein mit Maschinen teilen würdet?
OSCAR
Ganz ehrlich? Ich habe keine Ahnung.
ELEANOR
Ich nehme an, das ist das Thema unserer nächsten Etappe. Hey Claude! Oh nein, er ist schon wieder weg, wohin geht er denn?
OSCAR
Er ist dort drüben verschwunden. Komm! Mir nach!