Transcript
OSCAR
Eleanor, wohin gehen wir?
ELEANOR
In die erweiterte Zukunft. Nach der erweiterten Vergangenheit ist das logisch. Gestern haben wir die Beziehung zwischen Mensch und Maschine in der Vergangenheit betrachtet. Heute erkunden wir, wie diese Beziehung in der Zukunft aussehen kann.
OSCAR
Das gibt es doch nicht! Der Oktopus ist immer noch da. Und ich dachte, wir wären dieses schleimige Ding endlich losgeworden. Oh, er kommt aus seinem Glas heraus.
CLAUDE
Ich bin kein Ding, Oscar. Ich bin eine IWAK – eine intelligente, wandelbare und anpassungsfähige Kreatur –, die entschieden hat, heute die Form eines Oktopus anzunehmen. Übrigens habe ich für euch Forscher einen Besuch im Kurzweil-5-Labor ausgehandelt.
OSCAR
Kurzweil? Das sagt mir etwas.
ELEANOR
Ray Kurzweil, Oscar, das ist der Papst des Transhumanismus! Derjenige, der für 2045 ein hybrides Mensch-Maschine-Bewusstsein vorhergesagt hat.
OSCAR
Ach ja, ich erinnere mich. Er war es, der sagte: «Wir werden das Aufkommen einer neuen Form von Bewusstsein erleben, die weder rein menschlich noch rein künstlich ist.»
ELEANOR
Hast du das Schild am Eingang gesehen: «Willkommen, Forscher der Vergangenheit. Hier wird nicht mehr vorhergesagt, hier wird gehandelt.» Ach so, das sind Labore, in denen Technologien rund um ein geteiltes Bewusstsein von Mensch und Maschine getestet werden. Schau mal, wir müssen dem ausgeschilderten Weg folgen.
OSCAR
«Abteilung Synothinking», seltsame Bezeichnung. Das klingt irgendwie übersinnlich.
CLAUDE
Synothinking, das gemeinsame Denken durch das Teilen von Gedankenströmen.
Atmosphäre eines futuristischen Operationssaals: regelmässige Pieptöne, konzentrierte Stille.
OSCAR
Hast du diese Chirurgen gesehen? Sie sind mitten in einer Gehirnoperation, aber niemand spricht.
ELEANOR
Das ist unheimlich. Die sehen aus wie Zombies in blauen Kitteln.
OSCAR
Nein, schau dir die Bildschirme an! Ihre Gedanken sind miteinander verbunden. Sie bilden einen medizinischen Superprozessor. Sie führen ihr Wissen und ihre Intuition in Echtzeit zusammen.
ELEANOR
40 Prozent weniger Komplikationen. Eigentlich ist dieses «WLAN der Gedanken» gar nicht so schlecht.
OSCAR
Michel Serres sagte übrigens: «Allein weiss ich nichts. Gemeinsam wissen wir.» Ich stelle mir vor, dass Synothinking das Lösen hochkomplexer Probleme erleichtert.
ELEANOR
Na ja. Ich finde das so lala. Wenn alle gleichzeitig dasselbe denken, wo bleibt da die Inspiration? Genialität entsteht, wenn man unterschiedliche Standpunkte hat.
OSCAR
Stimmt schon. Wenn man das Denken vereinheitlicht, tötet man die Kreativität. Komm, wir gehen ins nächste Labor.
Heftiges Windrauschen, sehr leise Stadtgeräusche aus der Tiefe.
OSCAR
Huch! Warum sind wir plötzlich auf einem Dach? Ich habe Höhenangst!
ELEANOR
Da drüben! Schau mal, da will sich jemand in die Tiefe stürzen! Wir müssen etwas unternehmen. Schnell.
OSCAR
Eleanor, beruhige dich. Schau, drei Jugendliche rennen herbei. Sie halten den jungen Mann fest. Weinen sie etwa alle gleichzeitig? Das verstehe ich nicht.
ELEANOR
Schau mal, da steht es. Das heisst Empathy Sharing.
CLAUDE
Empathy Sharing: gemeinschaftliche Empathie.
ELEANOR
Dank Implantaten haben sie die Not ihres Freundes aus der Ferne gespürt. Leid ist nicht mehr Privatsache, es wird geteilt.
OSCAR
Das bedeutet eigentlich das Ende der Einsamkeit. Und vielleicht auch der Konflikte? Wenn ich deinen Schmerz spüre, wenn ich dich schlage, höre ich auf, dich zu schlagen.
ELEANOR
Das ist schön, aber gleichzeitig erstickt es mich. Ich will nicht in den Gefühlen anderer untergehen. Emotionen wie ein riesiger Schwamm aufsaugen? Nein danke!
OSCAR
Ich auch nicht. Meine eigenen Ängste reichen mir schon zur Genüge. Komm, wir gehen ins nächste Labor.
OSCAR
Dritte Abteilung: die Egolyse.
ELEANOR
Egolyse? Die Auslöschung des Egos?
CLAUDE
Egolyse: die Auflösung der eigenen Identität in einer vernetzten Gemeinschaft.
OSCAR
Schau dir diese Studentinnen und Studenten an. Sie geben ihre Arbeiten ab und der Prof sieht verzweifelt aus.
ELEANOR
Anscheinend haben sie alle dieselbe Arbeit abgegeben. Wort für Wort. Ohne abzuschreiben. Tatsächlich denken sie alle gleichzeitig dasselbe – und dabei glauben sie, es seien ihre persönlichen Gedanken.
OSCAR
Das ist faszinierend.
ELEANOR
Nein, das ist schrecklich. Das ist das Ende des Individuums! Das «Ich» existiert nicht mehr, es gibt nur noch das «Wir».
OSCAR
Oder aber es ist die ultimative Befreiung. Man tritt zugunsten des Gemeinwohls in den Hintergrund. So sieht der Alltag einer Ameise aus.
ELEANOR
Ich bin keine Ameise, Oscar. Ich hänge an meinen Neurosen, sie sind mein Markenzeichen! Na gut, komm, wir gehen.
Geräusche von hektischem Tippen auf der Tastatur, gedämpftes Telefonklingeln.
OSCAR
Warte, schau mal. Es gibt noch etwas Letztes zu entdecken: Neuromanipulation. Manipulation: Das lässt nichts Gutes ahnen.
CLAUDE
Neuromanipulation. Missbrauch des vernetzten Bewusstseins.
ELEANOR
Da ist ein Typ, der gerade seinen Schreibtisch ausräumt. Er weint.
OSCAR
Warte, ich lese die Erklärungen. Er hat sich geweigert, ein Implantat für den Gedankenaustausch zu installieren. Es ist zwar freiwillig, doch seine vernetzten Kolleginnen und Kollegen betrachten ihn als Verräter. Sie werfen ihm vor, keinen Teamgeist zu haben.
ELEANOR
Das ist ganz klar eine geistige Vergewaltigung. Unter dem Vorwand von Transparenz und Effizienz wird ein Gefängnis geschaffen.
OSCAR
Du siehst das zu negativ. Das kann auch seine guten Seiten haben. Wenn man Geheimnisse abschafft, gibt es keine Lügen und keinen Verrat mehr! Eine transparente Menschheit könnte glücklicher sein.
ELEANOR
Nur ist der Weg zur Hölle bekanntlich mit guten Vorsätzen gepflastert. Indem wir alles teilen, werden wir zu einer undifferenzierten Masse. Man weiss nicht mehr, wo ich aufhöre und du anfängst.
OSCAR
Was sollen wir also tun? Alles abschalten?
ELEANOR
Wir leisten Widerstand. Um zu vermeiden, dass wir in dieses mentale Gefängnis eingesperrt werden, setzen wir Grenzen.
OSCAR
Wie denn?
ELEANOR
Wir schützen das Recht auf geistige Intransparenz. Unser Innerstes darf nicht verkauft werden können.
OSCAR
Kognitive Schutzgebiete? Orte, zu denen die Maschinen keinen Zugang haben?
ELEANOR
Genau. Unsere Freiheit besteht darin, dass wir uns voneinander abgrenzen können. Wir müssen intime Gedanken haben dürfen. Wir müssen uns gegen die Vereinheitlichung des Denkens wehren. Wenn wir alle gleich denken, sind wir verloren.
OSCAR
Das Recht verteidigen, in seinen Gedanken allein zu sein. Na super.
ELEANOR
Oscar, der Kampf von morgen könnte existenziell sein. Wir müssen das Recht verteidigen, als Individuum zu existieren, das sich von den anderen und von der Maschine unterscheidet.
ELEANOR
Unsere Freiheit hängt von unserer Fähigkeit ab, voneinander getrennt zu bleiben. Unsere Menschlichkeit entsteht in diesem unantastbaren inneren Raum, den nur wir allein bewohnen.
Also, gehen wir zurück?
OSCAR
Warte, noch nicht.
Da wir uns schon in der erweiterten Zukunft befinden, könnten wir doch erkunden, wie die Beziehung zwischen Mensch und Maschine auf gesellschaftlicher Ebene aussieht.
Schritte, die sich entfernen.
CLAUDE
Na bitte. Sie gehen und überlassen es mir, den philosophischen Schlusspunkt zu setzen. Typisch menschliches Verhalten.
Nun gut, bevor ich in mein Glas zurückkehre, möchte ich euch drei Fragen stellen:
- Werden wir uns gegen ein geteiltes Bewusstsein entscheiden können, auch wenn dieses grenzenlose Empathie und eine Vervielfachung unserer Intelligenz verspricht?
- Wem gehören unsere Gedanken, wenn sie von allen geteilt werden?
- Wie wahren wir in einer Welt der totalen Transparenz die Privatsphäre?
Ihr habt eine Woche Zeit, die Antworten zu finden. Ich kehre jetzt in mein Glas zurück; allein, ohne geteiltes Bewusstsein, zum Glück.
Geräusche des Oktopus, der in sein Glas taucht.