KAP1 F4 · Die Schlussrechnung

Natürlich oder künstlich · Verteidigung
24 octobre 2026
6 mins de lecture

KAP1 F4 · Die Schlussrechnung

Die erweiterte Zukunft

Natürlich oder künstlich · Verteidigung

Transkript

CLAUDE

Seid gegrüsst, ihr Menschen. Ich bin Claude, eure intelligente, wandelbare und anpassungsfähige Kreatur. Ja, eure IWAK. Im Moment bin ich eine Fliege. Das ist ideal, um unseren beiden Wissenschaftlern zu folgen. Nachdem sie die Zukunft erkundet haben, sind sie nun zurück im Wald. Sie wirken ein wenig benommen.

 

ELEANOR

Oscar, wir drehen uns im Kreis. Wir diskutieren über das Verhältnis zwischen Künstlichem und Natürlichem, wir stellen uns Zukunftsszenarien vor, aber wir gehen dem eigentlichen Thema aus dem Weg.

 

OSCAR

Wovon sprichst du? 

 

ELEANOR

Ich spreche von dem Tag, an dem die Natur uns die Rechnung präsentiert. Was machen wir, wenn sie aufhört, uns ihr kostenloses Premium-Abo anzubieten?

 

OSCAR

Erklär das mal genauer. Was meinst du mit Premium-Abo? 

 

ELEANOR

Seit Jahrtausenden ist die Natur unser offizieller Lieferant und ehrenamtlicher Versorger. Sie sorgt für alles: Atemluft mit automatischer Erneuerung, gefiltertes Wasser, Nahrung aus fruchtbaren Böden und die Arbeit von nicht gewerkschaftlich organisierten Insekten.

 

OSCAR

Du meinst also, dass das vielleicht nicht ewig so weitergeht. Der Kundendienst der Natur wird wegen Insolvenz des Planeten geschlossen.

 

ELEANOR

Genau. Luft wird zu einem Luxusgut. Trinkwasser wird tropfenweise verkauft, Böden werden zu Wüsten, Ozeane zu Säurebecken. Der Gedanke, dass Kinder in dieser Welt leben müssten, ist für mich unerträglich.

 

OSCAR

Das ist beängstigend, das stimmt, aber mit Hilfe der Technik werden wir das schon schaffen. Wir werden die Luft filtern, die Böden mit Spritzen regenerieren, Meerwasser entsalzen und die Bienen durch bestäubende Drohnen ersetzen.

 

ELEANOR

Genau, aber meine Befürchtung ist, dass sich bestimmte Länder diese Technologien aneignen. Was passiert dann? 

 

OSCAR

Dann wird es Krieg geben.

Ich habe vorausgesehen, dass wir darauf zu sprechen kommen. Ich habe einen Konfliktgenerator mitgebracht.

 

CLAUDE

Der Konfliktgenerator ist ein Konfliktsimulator. Er inszeniert verschiedene Arten von Kriegen.

 

OSCAR

Ich habe drei Szenarien für Ökokriege programmiert:

Erstens: Raubkriege. Man kämpft um die letzten fruchtbaren Gebiete.

Zweitens: Kriege um kritische Ressourcen. Man will sich die seltenen Metalle sichern, die für unsere Überlebenstechnologien notwendig sind.

Drittens: Kriege um Biotechnologien. Man greift an, um an die Patente für Technologien zu gelangen, die das Atmen, Trinken und Essen ermöglichen.

 

ELEANOR

Na, das sind ja wunderbare Aussichten. Los geht’s, überrasche mich.

 

OSCAR

Setz dich hin, setz den Helm auf und schau zu. Wir beginnen mit einem Raubkrieg. Die Staaten, in denen Hunger herrscht, starten Überfälle, um Weizenfelder zu erobern. Die Länder, denen sie gehören, verteidigen sie mit Defensophyten.

 

CLAUDE

Defensophyten sind ein Netzwerk aus transgenen Pflanzen, die lähmende Giftstoffe freigeben, um Eindringlinge zu eliminieren. Das ist so, als würden eure Rosensträucher plötzlich auf Einbrecher schiessen. Oh, die Wissenschaftler sind weg. Wo sind sie hin? Oscar, Eleanor, wo seid ihr?

 

ELEANOR

Oscar, hörst du das? Es ist fast so, als würde uns die Fliege, die uns ständig folgt, rufen.

 

OSCAR

Eleanor, brauchst du vielleicht Urlaub? 

 

CLAUDE

Ah, da sind sie, sie kommen gerade aus einer Termitopolis. Das ist ein Bunker, der von Termitenbauten inspiriert ist und eine konstante Temperatur aufweist sowie reine Luft gewährleistet.

 

ELEANOR

Puh, es tut gut, wieder an der frischen Luft zu sein, aber es war lehrreich.

 

OSCAR

Ja, man versteht gut, dass sich der Sieg in dieser Art von Krieg nicht mehr in eroberten Quadratkilometern misst, sondern in Hektaren geretteter fruchtbarer Böden. Beim neuen Rüstungswettlauf geht es nicht mehr um die Rakete mit der höchsten Sprengkraft, sondern um den leistungsfähigsten Kompost und das widerstandsfähigste Saatgut.

 

ELEANOR

Kurz gesagt: Morgen werden wir für den Schutz dessen kämpfen, was uns ernährt, und nicht mehr für die Eroberung dessen, was uns reich macht.

 

OSCAR

Genau. Wenn man 90 Prozent des Ackerlandes ausgelaugt hat, werden die verbleibenden 10 Prozent kostbar. Der militärische Fokus wird sich von der Expansion hin zur Erhaltung verlagern. Siegen wird nicht mehr, wer am meisten erobert, sondern wer das, was er besitzt, am schnellsten regeneriert.

 

ELEANOR

Na gut, fahren wir mit deinem reizenden Programm weiter.

 

OSCAR

Okay, kommen wir zum Krieg um die kritischen Ressourcen.

(Unterwassergeräusche, Druck, Atmen in einem Taucheranzug)

 

ELEANOR

Wo sind wir denn jetzt?

 

OSCAR 

In 11 000 Metern Tiefe im Marianengraben. Willkommen auf einem der grössten Gefechtsfelder der Zukunft.

(Unterwasserexplosion)

 

ELEANOR

Was war das für ein Geräusch?

 

OSCAR

Die Amerikaner haben mit ihren Torpedos gerade japanische Förderboote in die Luft gesprengt. Innerhalb weniger Monate sind die Ozeane zu Minenfeldern geworden. Alle Länder jagen nach Kobalt, Nickel und Lithium, die für unsere Batterien und unsere grünen Technologien benötigt werden.

 

ELEANOR

Wir haben die Erde verschmutzt und nehmen uns nun den Rest des Universums vor. Was ist das für ein Ding, das am U-Boot klebt? Es sieht aus wie ein Blutegel.

 

OSCAR

Ein Metallosit. Ein miniaturisierter Parasit, der sich an Mining-Roboter anheftet und deren Ausbeute absaugt.

 

CLAUDE

Diese Metallositen sind genial – sie saugen so winzige Mengen ab, dass der Verlust als Buchhaltungsfehler durchgeht.

 

ELEANOR

Gibt es in deinem Krieg Soldaten? 

 

OSCAR

Ja, sie führen Blitzangriffe auf die Lagerstätten durch und tragen dabei Tiefseepanzer. Diese Anzüge sind dem Panzer von Krustentieren nachempfunden. Je höher der Druck, desto widerstandsfähiger werden sie.

 

ELEANOR

Das ist verrückt: Wir ahmen die Natur nach, um sie besser zerstören zu können. Das ist Ironie mit kosmischem Ausmass.

 

CLAUDE

Ja, ihr Menschen seid wieder einmal voller Widersprüche.

 

OSCAR

Wir zerstören die Ökosysteme in der Tiefe, um das Klima an der Oberfläche zu retten. Der ökologische Wandel wird zur Umweltkatastrophe.

 

ELEANOR

Du meinst also, wir retten den Planeten, indem wir ihn zerstören?

 

OSCAR

Genau. Glücklicherweise beginnen gewisse Gremien angesichts dieses Widerspruchs, Förderquoten und Abkommen zum Schutz der Tiefsee zu fordern. Sie erkennen, dass ein totaler Krieg um die Ressourcen letztlich dazu führt, dass alle leer ausgehen.

 

CLAUDE

Die Menschen stossen an die Grenzen ihrer eigenen Denkweise. Spannend.

 

ELEANOR

Zeig mir den dritten Krieg.

 

OSCAR 

Der Technologiekrieg. Der Kampf um das Urheberrecht am Leben.

(Geräusche aus einem Labor: Computer, biologische Maschinen)

 

OSCAR

Wir befinden uns in einem geheimen Labor in Indien.

 

ELEANOR

Warum geheim?

 

OSCAR

Die Koalition der nördlichen Staaten verwahrt ihre Patente auf Luftreiniger, künstliche Photosynthese und Ähnliches in einem Tresor. Indien und Brasilien haben beschlossen, sich diese zu beschaffen. Piraterie ist zu einem kriegerischen Akt geworden. Den Zugang zu einer Technologie zu verweigern, die das Überleben von Millionen von Menschen sichert, kommt einer Kriegserklärung gleich.

 

(Plötzlicher Alarm, Stiefelgeräusche)

 

ELEANOR

Was ist denn jetzt los?

 

OSCAR

Ein Überfall der Phytojäger, Eliteeinheiten, die auf biologische Blitzangriffe spezialisiert sind.

 

CLAUDE

Ihre Mission besteht darin, hochrangige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu entführen, patentierte Lebewesen zu stehlen und konkurrierende Labore zu zerstören. In diesem Krieg ist eine Biologin mehr wert als ein General.

 

(Chaos, Schüsse, Schreie)

 

ELEANOR

Wir kämpfen um DNA-Sequenzen.

 

OSCAR

Wenn diese Sequenzen es ermöglichen, Tomaten in der Wüste anzubauen oder verschmutztes Wasser mit einer einfachen Alge zu reinigen, sind sie mehr wert als alles Gold der Welt. Wer diese Technologien kontrolliert, kontrolliert das Überleben der Menschheit.

 

ELEANOR

Glaubst du, dass wir morgen keine Kriege mehr um Landstriche führen, sondern um den Besitz der genetischen Codes des Lebens? 

 

OSCAR

Das ist möglich, darauf müssen wir uns vorbereiten.

 

ELEANOR

Ich stelle mir vor, dass sich Räuber das Leben aneignen werden. Sie werden die Photosynthese patentieren lassen, ein Urheberrecht auf Bakterien anmelden und das Recht, Weizen anzubauen, verpachten. Dann wird es keine andere Lösung mehr geben, als zu kämpfen, um die Mittel für unser Überleben zurückzugewinnen.

 

OSCAR

Vielleicht. Auf jeden Fall zeigen diese drei Szenarien, dass die militärische Priorität in der Zukunft möglicherweise nicht mehr darin besteht, das feindliche Land zu zerstören, sondern das eigene Territorium wiederherzustellen und zu schützen. Macht wird sich an der Geschwindigkeit der Regeneration messen lassen.

 

ELEANOR

Du meinst also, dass das Land, das einen Wald in 10 statt in 100 Jahren nachwachsen lassen kann, den Krieg gewinnt? 

 

OSCAR

Genau. Die Armee wird nicht mehr schiessen, um ihre Macht auszuweiten, sondern um das Gemeingut gegen Plünderung zu schützen. Die Generäle werden ihre Siege in Hektaren wiederhergestellter Böden, in gereinigten Flüssen und in Patenten messen, die zum Wohle der Allgemeinheit freigegeben werden.

 

ELEANOR

Das ist seltsam. Deine Kriege sind schrecklich, aber geben auch Hoffnung. Hoffnung, dass die Menschheit begreift, dass man vor allem dafür kämpfen muss, das wiederherzustellen, was man zerstört hat.

 

CLAUDE

Ihr Menschen, vielleicht wirkt das besserwisserisch, aber diese drei Kriege müssen euch doch dazu bringen, euch ernsthafte Fragen zu stellen.

Zum ersten Krieg, dem Raubkrieg: Sind wir wirklich dazu verdammt, um die Überreste eines Festmahls zu kämpfen, das wir selbst geplündert haben? Kann man denn die Erde militarisieren, ohne die Menschlichkeit zu verlieren?

Zweiter Krieg, der Krieg um Ressourcen: Wie weit gehen wir aufgrund unserer Technologiesucht?  Zerstören wir wirklich die letzten Rückzugsorte des Planeten, um Elektroautos zu bauen?

Dritter Krieg, der Krieg um das Urheberrecht am Leben: Haben wir das Recht, die Lebensgrundlagen zu privatisieren?  Wer darf entscheiden, wer atmet und wer erstickt?

Und die abschliessende Frage: Töten wir, indem wir die Natur militarisieren und sie nachbilden, um sie besser kontrollieren zu können, nicht etwa unsere Inspirationsquelle

Ich überlasse es euch, darüber nachzudenken. Ich muss erst einmal einen Sonnenuntergang bewundern, bevor er von einem multinationalen Konzern patentiert wird.

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