Transkript
CLAUDE
Hallo, ihr Menschen. Hier ist Claude, die IWAK. Ihr wisst schon, die intelligente, wandelbare und anpassungsfähige Kreatur. Denkt daran, dass ich mich in eine Hündin, eine Zahnbürste oder sogar in eine Fliege verwandeln kann, so wie heute. Das ist praktisch, um unseren beiden Wissenschaftlern zu folgen, die über das Verhältnis zwischen dem Natürlichen und dem Künstlichen nachdenken. Oscar führt seine Kollegin nun in sein geheimes Labor, dahin, wo er an der Artifizialisierung des Menschen arbeitet.
ELEANOR
Oscar, ich glaube, ich träume. Du hast dein Labor in einem ehemaligen Militärbunker eingerichtet, das ist verrückt. Hast du das alles ganz allein gemacht?
OSCAR
Na ja, ich hatte ja ein bisschen Zeit.
ELEANOR
Das hast du also während deines unbezahlten Urlaubs gemacht!
OSCAR
Ja, genau.
ELEANOR
Und dabei hatten wir uns vorgestellt, dass du irgendwo am Meer einen Food-Truck mit veganem Curry eröffnest. So etwas machen die Leute heutzutage. Nicht etwa ein geheimes Labor bauen.
OSCAR
Ich wollte unbedingt an der Artifizialisierung des Menschen arbeiten.Ich musste erforschen, wie weit man dabei gehen kann. Welche Grenzen man nicht überschreiten darf.
ELEANOR
Wow, das ist ein heikles Unterfangen. Die Grenzen verschieben sich mit der Wissenschaft und der Moral. Es ist wie ein Gummiband, an dem man zieht – bis es reisst.
OSCAR
Genau das ist das Spannende daran: zu versuchen, die Bruchstellen zu identifizieren.
ELEANOR
Okay, aber das ist keine einfache Aufgabe. Der zu 100 Prozent natürliche Mensch ist ein Mythos. Seit den ersten Faustkeilen ist der Homo sapiens dabei, sich zu optimieren. Er erweitert seine Fähigkeiten und minimiert seine Schwächen.
OSCAR
Absolut, da stimme ich dir voll und ganz zu. Seit dem 13. Jahrhundert korrigiert man die Sehkraft mit Brillen, im 16. Jahrhundert entwickelte Ambroise Paré bewegliche Prothesen und im 19. Jahrhundert wurde das Hörrohr erfunden.
ELEANOR
Und das hört nie auf.
OSCAR
Richtig, im 20. Jahrhundert kamen dann die Implantate auf. 1957 implantierte Dr. Lillehei den ersten Herzschrittmacher. Seitdem gibt es Herzschrittmacher, implantierbare Hörlösungen, Gelenke aus Titan.
ELEANOR
Und dabei bleibst du noch in der Baumarktabteilung des menschlichen Körpers. Richtig ernst wird es erst, wenn wir unsere Gehirne aufrüsten. Smartphones, kabellose Ohrhörer, KI. Das ist ein ganzes Sammelsurium an kognitiven Erweiterungen.
OSCAR
Genau! Ab da kann man sagen, dass der Homo sapiens zum Techno sapiens wird.
ELEANOR
Und wie geht’s dann weiter? Ein Cyborg-Bausatz mit Optionen à la carte?
OSCAR
Komm mit. Ich zeige dir ein paar mögliche Zukunftsszenarien.
Da sind wir. Willkommen im Implantarium.
CLAUDE
Das Implantarium ist eine Farm, auf der biologische Implantate gezüchtet werden. Man muss zugeben, dass Oscars Labor beeindruckend ist. Implantate zur Erweiterung des Wissens, zur Reparatur des Gehirns, zur Verzehnfachung der Sinne.
ELEANOR
Eine Implantatplantage! Wow, willkommen im Gemüsegarten der Zukunft.
OSCAR
Das da sind Implantate, die mit externen Wissensdatenbanken verbunden sind. Man hat damit sofortigen Zugriff auf das gesamte Wissen der Menschheit.
ELEANOR
Das klingt vielversprechend. Bereits ohne Implantat brauche ich drei Stunden, bis ich mich für ein Pastarezept entschieden habe. Ausserdem sagt man oft, dass zu viele Informationen die Information zerstören. Deine Implantate gleichen einem Mord mit Vorsatz.
OSCAR
Aber du kannst ein Filterimplantat installieren, das die Auswahl für dich trifft.
Das hier sind Implantate, die neurodegenerative Erkrankungen beseitigen, indem sie die geschädigten Bereiche des Gehirns überbrücken.
ELEANOR
Und was ist das hier, das «LovePlant»?
OSCAR
Ein Implantat, mit dem man seinen Seelenverwandten findet.
ELEANOR
Ich nehme an, man spürt Schmetterlinge im Bauch, wenn man die richtige Person trifft, oder? Ich möchte dich nicht enttäuschen, aber ich glaube, dafür gibt es bereits natürliche und völlig kostenlose Varianten.
OSCAR
Gefällt es dir nicht?
ELEANOR
Es macht mir vor allem Sorgen. Es reicht, dass ein Hacker eine Überspannung verursacht und schon gibt es einen Kurzschluss im Implantat. Ich habe keine Lust, eine Fehlermeldung zu erhalten wie: «Tut mir leid, dein Gehirn ist abgestürzt. Bitte starte es neu.»
OSCAR
Wir werden den Schutz noch verstärken. Man könnte aber auch Implantate haben, um Gedanken zu lesen und böswillige Absichten zu erkennen.
ELEANOR
DIE GEDANKEN ANDERER LESEN? Oscar, Hilfe! Ich kann schon jetzt diejenigen nicht ausstehen, die mir über die Schulter schauen. Auf keinen Fall darf mein Gehirn zu einem Open Space werden.
OSCAR
Du lehnst wirklich jede Art von Implantat ab.
ELEANOR
Ich will einfach nicht, dass mich meine Kinder eines Tages fragen: «Mama, ich habe gerade ein italienisches Restaurant geliked. Mag ich denn Pizza oder mag meine KI Pizza?»
OSCAR
Ach, wenn die Pizza gut ist, spielt es dann wirklicheine Rolle, wer sie bestellt hat? Na gut, jetzt schweife ich ein bisschen vom Thema ab.
Kommen wir zum zweiten Raum. Die Körpersonalisierung.
CLAUDE
Körpersonalisierung ist die Individualisierung des Körpers. So wie bei Autos, wenn man zum Beispiel Chromfelgen oder einen Spoiler anbringt.
Übrigens, ihr Menschen, macht euch auf viele weitere Neologismen gefasst! Ohne Wörter kann man nicht denken. Wenn man neue Dinge erfindet, muss man auch neue Wörter schaffen.
ELEANOR
Eigentlich ist das nichts Neues unter der Sonne. Man druckt bereits Nasen, Ohren, sogar Herzen aus Stammzellen.
OSCAR
Das dient der Reparatur. Die Körpersonalisierung dient der Optimierung. Es wird Lungen geben, die für grosse Höhen verstärkt sind, Haut, die sich an Hitze und Kälte anpasst. Die Möglichkeiten sind unendlich. Ist das nicht grossartig?
ELEANOR
Wenn meine Kinder dank ihrer Schutzhaut keine umweltschädlichen Daunenjacken mehr brauchen, ist das vielleicht gar nicht so schlecht, da stimme ich zu. Aber hast du keine Angst, dass dadurch eine Zweiklassengesellschaft entsteht? Die Reichen mit hochmodernen Körpern und die Armen, die sich mit Organen vom Wühltisch begnügen müssen?
OSCAR
Ich denke nicht an die Reichen, die sich Katzenaugen wünschen. Ich denke an den Arbeiter, dessen Lungen durch Staub zerstört sind und der wieder atmen könnte. Ich denke an die Landwirtin, die bei 50 Grad arbeiten muss und endlich der Hitze standhalten könnte. Soll man ihnen das vorenthalten, aus Angst davor, was die Privilegierten daraus machen?
ELEANOR
Ja, okay, das muss man sich durch den Kopf gehen lassen.
OSCAR
Ah, wir kommen gerade in den Raum mit dem Agetuning.
ELEANOR
Age wie Alter und Tuning wie bei einem getunten Auto? Die Veränderung des biologischen Alters. Man flickt die Telomere und schon wird aus einem Opa wieder ein Jungspund. Ein Klick und man löscht etwa vierzig Jahre aus. Das ist das «Ctrl+Z» für das Alter.
OSCAR
Du weisst doch, dass viele Forscher daran arbeiten. Eines Tages werden wir es schaffen.
ELEANOR
Ja, nur sollten deine Forscher vorher lieber einen Ersatzplaneten finden. Denn wenn die Alten auf unserem Planeten nicht mehr sterben, gehen uns Nahrung, Wasser und Luft aus – ganz zu schweigen von den Parkplätzen.
OSCAR
Okay, dann könnten wir uns auf ein Exobewusstsein beschränken. Man überträgt sein Bewusstsein auf einen nicht-biologischen Träger. Eine Form der digitalen Unsterblichkeit.
ELEANOR
Oscar, das Bewusstsein besteht nicht nur aus Daten, oder? Es bedeutet, von neuen Schuhen Blasen zu bekommen und morgens den Duft von Kaffee zu riechen. Ohne das bist du kein Mensch mehr, sondern nur noch ein ausgeklügeltes Programm.
OSCAR
Eleanor, lehnst du jede Form der Artifizialisierung des Körpers ab?
ELEANOR
Angesichts der technologischen Entwicklung weiss ich zwar, dass wir mit grossen Schritten darauf zusteuern, aber bevor man die Menschheit in einen Bausatz verwandelt, muss man sich doch die richtigen Fragen stellen.
CLAUDE
Die richtigen Fragen. Ganz genau, zum Beispiel:
- Was macht den Menschen aus: seine Biologie, sein Bewusstsein, seine Geschichte?
- Wie lässt sich eine Spaltung zwischen natürlichen und optimierten Menschen vermeiden?
- Schränkt die Artifizialisierung unsere Freiheit ein oder erweitert sie diese?
ELEANOR
Oscar, wir müssen uns Gedanken über die technologische Abhängigkeit machen, die uns anfällig für Ausfälle und Hackerangriffe macht.
Wir müssen Grenzen setzen, rote Linien ziehen. Sonst verlieren wir unsere Seele, ohne es überhaupt zu merken.
OSCAR
Weisst du, Eleanor, ich schätze deine Art, die Dinge zu sehen, wirklich sehr.
ELEANOR
Ich bin einfach der Meinung, dass man sich nicht blindlings in den Abgrund stürzen sollte, nur weil uns die Wissenschaft voranbringt.
OSCAR
Auf jeden Fall vielen Dank, dass du mich bis hierher begleitet hast. Zu sehen, wie junge Wissenschaftlerinnen wie du sich Sorgen um die Zukunft machen und vor allem die richtigen Fragen stellen, gibt mir Hoffnung.
ELEANOR
Hör auf, du machst mich verlegen. Na gut, dann verlassen wir mal das Labor des verrückten Wissenschaftlers.