KAP1 F1 · Die Wurzeln des Künstlichen

Natürlich oder künstlich
24 octobre 2026
4 mins de lecture

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KAP1 F1 · Die Wurzeln des Künstlichen

die erweiterte Zukunft

Natürlich oder künstlich

Transkript

CLAUDE

Hallo, ihr Menschen. Mein Name ist Claude. Ich bin eine IWAK, eine intelligente, wandelbare und anpassungsfähige Kreatur. Meine Intelligenz ist … auf subtile Weise künstlich, und ich kann jede beliebige Gestalt annehmen. Mit einem Klick werde ich zur Hornisse, zum Couchtisch, zum Löwen – oder wie heute zur Fliege. Das ist perfekt, um zwei Wissenschaftlern zu folgen, die an der erweiterten Zukunft arbeiten. Sie wirken fasziniert und faszinierend. Nun ja, auch ein bisschen verärgert, seit ihr Auto auf dem Weg zu einem wichtigen Termin eine Panne hatte.

 

ELEANOR

Seit Monaten renne ich diesen Investoren hinterher, Oscar. Seit Monaten –  und dir fällt nichts Besseres ein, als uns in deiner Klapperkiste mitzunehmen, die noch aus der Zeit vor der Ölkrise stammt. Das Schlimmste ist, dass wir nicht einmal Empfang haben, um ihnen Bescheid zu geben. Wir sitzen hier fest.

 

OSCAR

Ach, das erklären wir ihnen schon, so etwas kommt eben vor.

 

ELEANOR

So etwas kommt eben vor? Oh nein, aber ich sehe ja, dass dir das völlig egal ist – du gehst in ein paar Monaten in Rente, aber meine Karriere, Oscar, ist gerade zum Erliegen gekommen, genau wie dein Motor.

 

ELEANOR

Was machst du denn jetzt?

 

OSCAR

Na ja, ich gehe zu Fuss.

 

ELEANOR

Ah, super. Nicht nur, dass wir den Termin des Jahrhunderts verpassen, jetzt willst du auch noch, dass wir uns verlaufen. Ich erinnere dich daran, dass wir kein Navi haben. 

 

OSCAR

Vertrau mir. Ich kenne diesen Wald wie meine Westentasche.

 

ELEANOR

Nach dem, was du gerade angestellt hast, glaubst du wirklich, ich könnte dir vertrauen?  

 

OSCAR

Hör mal, wenn wir schon wegen dieser Autopanne hier mitten im Wald festsitzen, sollten wir die Gelegenheit nutzen, um ein wenig über das Verhältnis zwischen dem Natürlichen und dem Künstlichen nachzudenken. Die Inspiration kommt beim Gehen.

 

ELEANOR

Unser Projekt ist soeben den Bach hinuntergegangen und du willst einen Spaziergang im Wald machen?

 

OSCAR

Eleanor, komm schon. Schau dich doch mal um, dieser Wald ist wunderschön.

 

ELEANOR

Wunderschön? Geometrische Anordnung, regelmässige Abstände, null Artenvielfalt. Völlig künstlich – ich verstehe nicht, was daran so wunderschön sein soll.

 

OSCAR

Ein künstlicher Wald vielleicht – aber trotzdem ganz natürlich, oder?

 

ELEANOR

Nun ja, die Frage ist: Was ist heutzutage überhaupt noch natürlich?  Ist ein Mensch mit neuronalen Implantaten, die für ihn denken, natürlich? Ist gentechnisch veränderter Weizen, der an Erntemaschinen angepasst ist, natürlich? 

 

OSCAR

Eleanor, ich glaube, wir sollten einen Schritt zurück machen.

 

ELEANOR

Was denn? Wir sind noch nicht einmal zehn Meter weit gekommen und du willst schon zurückgehen?

 

OSCAR

Aber nein, ich meinte, wir sollten einen Schritt zurück in die Vergangenheit machen, um zu sehen, wie die Denker von früher die Grenze zwischen dem Natürlichen und dem Künstlichen betrachtet haben. Hier, ich habe den Reflektor mitgebracht.

 

CLAUDE

Eine kurze Erläuterung: Der Reflektor ist ein Rückspiegel für Gedanken. Er zeigt die Konzepte der grossen Denker an. Oscar blickt also mit seinem Gadget in die Vergangenheit, genauer ins Jahr 350 vor Christus. Das ist die Zeit von …

 

OSCAR

Ah, Aristoteles. Für den Philosophen war der Unterschied zwischen dem Natürlichen und dem Künstlichen glasklar. Das Natürliche verfügt über seinen eigenen Seinsgrund. Der Baum wächst von selbst. Das Künstliche hingegen erhält seine Form von einer äusseren Kraft. Die Bank wird vom Handwerker gebaut.

 

ELEANOR

Mmh, die Welt von Aristoteles war einfach. Nächster Denker. 

 

OSCAR

Eleanor, ganz ruhig, das ist kein philosophisches Speed-Dating.

 

ELEANOR

Weiter zu Descartes. Los.

 

CLAUDE

Also … Descartes, 1596–1650. Oh, da machen sie einen Sprung von fast 2000 Jahren.

 

ELEANOR

Descartes … er zerstört Aristoteles’ schöne Trennung, indem er sagt: «Alle künstlichen Dinge sind mithin auch natürlich.»

 

OSCAR

Genau. Für ihn unterliegt alles denselben physikalischen Gesetzen. Der vom Bogenschützen abgeschossene Pfeil nimmt dieselbe Richtung wie ein Stein, der einen Hang hinunterrollt. Die menschliche Schöpfung ist kein Bruch mit der Natur, sondern ihre Fortsetzung.

 

ELEANOR

Nächster Denker.

 

OSCAR

Zu Beginn der industriellen Revolution trat Jean-Jacques Rousseau gewissermassen als Verfechter der Gerechtigkeit auf und behauptete: «Alles entartet unter den Händen des Menschen.» Für ihn war das Künstliche moralisch verwerflich und das Natürliche gut. Der Mensch verdirbt alles.

 

ELEANOR

Ja, ein bisschen schwarz-weiss. Na dann, der Nächste.

 

OSCAR

Gehen wir also weiter bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts mit Saint-Simon und Auguste Comte. Für sie ist die Natur unvollkommen. Die Technik kann sie vervollkommnen. Der Mensch ist nicht dazu geschaffen, die Natur zu betrachten, sondern sie nach seinen Bedürfnissen zu verändern.

 

ELEANOR

Ich verstehe den Gedanken durchaus. Die Natur ist fehlerhaft und wir beheben diese Fehler mit Technologie. Dieses Prinzip haben wir übrigens so gut umgesetzt, dass heute mehr als jeder zweite Mensch in der Stadt lebt und völlig von den natürlichen Zyklen abgekoppelt ist.

 

OSCAR

Weisst du, dass eine Studie sogar besagt, dass 40 Prozent aller Kinder nicht wissen, dass Pommes frites aus Kartoffeln hergestellt werden?

 

ELEANOR

Na sicher. Es weiss doch jeder, dass sie in der Tiefkühltruhe wachsen, neben den eckigen Fischen.

 

OSCAR

Und man sieht deutlich, dass sich diese Entfremdung durch die Smartphones noch ein bisschen beschleunigt.

 

ELEANOR

Ja, es ist verrückt, auch unser Blick ist immer mehr von der Realität abgekoppelt. Manche Städte installieren sogar Ampeln am Boden, damit die Leute den Kopf nicht mehr vom Bildschirm heben müssen.

 

OSCAR

Bruno Latour bringt es übrigens sehr treffend auf den Punkt: «Je stärker wir versucht haben, uns durch die Technik von der Natur zu emanzipieren, desto mehr haben wir neue Wechselbeziehungen zu ihr geschaffen.» 

 

ELEANOR

Er hat recht. Wir wollten uns mit dem Elektroauto vom Erdöl befreien, und nun sind wir von Lithium, Kobalt usw. abhängig.

Weisst du … weisst du, ich frage mich, ob … der Mensch von morgen noch ein Mensch sein wird. Markus möchte Kinder, das ist ein Thema, über das wir ständig reden. Sieben der neun planetarischen Grenzen sind überschritten. Glaubst du, es ist verantwortungsvoll, jetzt noch ein Kind in die Welt zu setzen? Was soll ich meinem Kind denn sagen: «Keine Sorge, wir haben die Erde zerstört, aber es wird schon gutgehen.»?

 

OSCAR

Ich verstehe deine Sorge, Eleanor. Deshalb arbeite ich an der Artifizialisierung des Menschen. Ich versuche herauszufinden, wo die Grenze liegt, die man nicht überschreiten darf.

 

ELEANOR

Was meinst du damit, du arbeitest an der Artifizialisierung des Menschen?

 

OSCAR

Ach, ich bastle einfach allein vor mich hin.

 

ELEANOR

Du hast ein Labor aufgebaut. Wo befindet sich denn dein Bastelprojekt? Nimmst du mich mit?  Vielleicht hilft mir das bei der Entscheidung, ob ich einmal Kinder haben möchte.

 

OSCAR

Eigentlich ist es genau hier, in diesem Wald, nicht weit weg.

 

ELEANOR

Ach so, klar, deshalb kennst du diesen Wald so gut.

Na los, gehen wir hin. Für unseren Termin ist es sowieso schon zu spät.

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