KAP1 F3 · Am Scheideweg
Die erweiterte Zukunft
Natürlich oder künstlich · Gesellschaft
Transkript
Oscar und Eleanor haben das Labor verlassen und sind wieder im Wald.
ELEANOR
Oscar, hast du das gesehen? In diesem Wald gibt es Fliegen mit neon-gelben Flügeln.
CLAUDE
Es gibt keine Fliegen, sondern EINE Fliege, nämlich mich. Die neon-gelben Flügel sind meine persönliche Note. Ich erinnere euch daran, dass ich eine IWAK bin: eine intelligente, wandelbare und anpassungsfähige Kreatur. Seit zwei Folgen fliege ich den zwei Wissenschaftlern hinterher, die über das Natürliche und das Künstliche diskutieren. Ja, das sind Themen mit Tiefgang.
OSCAR
Eleanor, woher hast du denn diese Pinsel? Hältst du dich für Picasso?
ELEANOR
Das sind keine Pinsel, das ist ein Projektron. Das habe ich immer in meiner Tasche. Du hast mir deinen Frankenstein-Bunker gezeigt, jetzt ist es an mir, dich zu überraschen.
CLAUDE
Das Projektron ist ein Gerät, das Zukunftsbilder projiziert. Mit den Pinseln zeichnet man Wege, die natürlicher wirken als die echten. Wenn man ihnen folgt, entdeckt man Dinge, die es noch gar nicht gibt. Ich glaube, genau das tun unsere beiden Wissenschaftler gerade.
ELEANOR
Mit dem Projektron zeichne ich zwei Wege, die in die Zukunft führen. Der erste Weg führt zu einer Versöhnung mit der Natur, der zweite zum Bruch mit ihr.
OSCAR
Ich verstehe: Du schaffst einen virtuellen Raum und versuchst, damit ganz reale Probleme zu lösen.
ELEANOR
Ja, gewissermassen. Das Virtuelle kann helfen, die Realität besser zu verstehen. Welchen Weg nimmst du?
OSCAR
Die, die zum Bruch mit der Natur führt. Meine Generation hat viel zur Entfremdung von der Natur beigetragen, das kann ich nicht leugnen.
ELEANOR
Perfekt. Ich übernehme die Versöhnung.
CLAUDE
Los geht’s. Die beiden Wissenschaftler machen sich auf den Weg, jeder in seine Richtung. Dank des Projektrons können sie weiterhin miteinander sprechen. Haltet euch fest, es wird turbulent.
ELEANOR
Oscar, hörst du mich?
OSCAR
Ja. Wo bist du?
ELEANOR
Ich komme gerade in eine Stadt. Es ist eine Naturstadt. Es gibt Bäume, Brachflächen, Pflanzen, die an den Gebäuden emporranken. Die Gebäude atmen und schwitzen.
OSCAR
Gebäude, die schwitzen?
ELEANOR
Ja, der Beton bindet CO₂ und produziert Sauerstoff. Moment mal, ein Mann lächelt mich an. Guten Tag! Einen Augenblick, Oscar, er lädt mich ein, ein Sensihome zu entdecken.
CLAUDE
Ein Sensihome ist eine fühlende Behausung, ein organisches Gebäude mit einem primitiven Bewusstsein. Sein Fundament ist ein Pilznetzwerk, aus dem das Tragwerk gewachsen ist.
ELEANOR
Die Struktur passt sich dir an. Wenn dir kalt ist, mobilisiert sie Bakterien, die die Temperatur erhöhen. Deine Wohnung kann sich sogar selbst vergrössern. Mit jedem neuen Baby wächst ein neuer Raum. Markus wird es lieben.
OSCAR
Interessant, aber beunruhigend. Wenn das Gebäude lebt, mag es dich vielleicht nicht. Was passiert dann? Wirft es dich raus, indem es die Zimmer verkleinert?
ELEANOR
Daran hatte ich noch gar nicht gedacht, aber ja, das ist tatsächlich eines der Risiken. Und du, wie sieht’s bei dir aus?
OSCAR
Es ist die Hölle. Ich bin an einem Strand, dessen Sand aus Mikroplastik besteht. Wir haben den Ozean in eine Müllhalde verwandelt und jetzt quillt die Müllhalde über. Die Korallen bleichen aus, die Fische verschwinden, das Wasser steigt.
ELEANOR
Was willst du, das ist der Preis für unsere schizophrene Lebensweise. Samstags spielen wir auf dem Biomarkt die Ökos, montags bestellen wir bei Shein und dienstags buchen wir einen Billigflug ans andere Ende der Welt. Wir wollen den Planeten retten, ohne auf irgendetwas zu verzichten.
OSCAR
Wenn es nur das wäre. Um mich herum ist es trostlos. Wir haben die Urwälder abgeholzt, weil wir unsere Möbel so oft wechseln wie unsere Hemden. Das ist traurig. Und alles nur, um unseren Komfort zu steigern.
ELEANOR
Das ist kein Wunder. Bäume haben kein Wahlrecht. Bienen auch nicht. Und zukünftige Generationen dürfen auch nicht mitbestimmen.
(Vogelgezwitscher)
OSCAR
Und wo bist du gerade?
ELEANOR
Ich stehe vor Brunnenbäumen, die die Luftfeuchtigkeit in Trinkwasser umwandeln. Ich habe gerade gesehen, dass die Sahara dank Mikroorganismen wieder aufgeblüht ist.
OSCAR
Wenn ich das richtig verstehe, versöhnt man sich bei dir mit der Natur, indem man sie künstlich gestaltet. Das ist seltsam.
ELEANOR
Wir haben keine Wahl. Gott hat das Schiff verlassen. Die Wissenschaftler haben das Ruder übernommen. Sie können keine Wunder vollbringen. Sie versuchen, den Schaden zu beheben.
OSCAR
Hier auf meinem Weg haben wir die Natur so sehr zerstört, dass die verbleibenden Ökosysteme am Tropf hängen. Leben auf der Intensivstation.
Nein, danke, kein Interesse. Lassen Sie mich in Ruhe.
ELEANOR
Oscar, mit wem redest du denn da?
OSCAR
Mit einem Androiden, der mir gerade angeboten hat, Meteo-On-Demand zu bestellen.
CLAUDE
Meteo-on-Demand ermöglicht, mit einer Fernbedienung Regen auszulösen. Grüne Taste: leichter Regen für den Garten. Rote Taste: Sturm über dem Haus des Nachbarn.
OSCAR
Ich bin fassungslos, hier ist das Klima zu einer Dienstleistung geworden. Wenn man Geld hat, kann man sich Regen und Sonnenschein kaufen. Eleanor, ist es bei dir ruhiger?
ELEANOR (flüsternd)
Ja, ich lausche dem Leben. Wenn du nur wüsstest: Es hat uns so viel zu sagen.
OSCAR
Hast du irgendwas Seltsames geraucht?
ELEANOR
Nein. Mir wurde ein Biotranslator ausgeliehen.
CLAUDE
Der Biotranslator, meine Lieblingserfindung. Er übersetzt die chemischen Signale der Pflanzen, die Emotionen der Tiere und den Stress der Pilze in menschliche Sprache. Endlich könnt ihr Menschen hören, was die Natur euch zu sagen hat.
ELEANOR
Mit diesem Gerät kann man sich die Forderungen der Natur anhören – sie zu verstehen, ist eine ganz andere Geschichte.
OSCAR
Ich komme gerade an einem Reiseterminal an. Die Reichen fliegen zum Mond oder begeben sich in Gegenden unter einer klimatisierten Kuppel.
ELEANOR
Oscar, geh bitte nicht weg. Triff mich im Wald.
OSCAR
Da bin ich. So, du kannst dein Projektron wegpacken.
ELEANOR
Na gut, ich glaube, es ist klar. Wir haben keine andere Wahl, als uns mit der Natur zu versöhnen.
OSCAR
Dem kann ich nur zustimmen, aber diese Entscheidung wirft viele Fragen auf. Was behalten wir? MRI, künstliche Intelligenz, Antibiotika? Und worauf verzichten wir? Erdbeeren im Winter, Billigflüge, Lieferungen innerhalb von 24 Stunden, Klimaanlagen?
Wollen wir eine kontrollierte, vorhersehbare, optimierte Natur? Oder akzeptieren wir das Chaos, die Stürme und das Aussterben von Arten?
CLAUDE
Ihr Menschen müsst euch auch fragen, welche Art von Beziehung ihr zu den Lebewesen haben wollt. Wollt ihr die Natur beherrschen oder mit ihr zusammenleben?
ELEANOR
Oscar, von deinen Fragen wird mir schwindelig. Wie spät ist es? Markus wird sich Sorgen machen.
OSCAR
Keine Ahnung.
ELEANOR
Aber du trägst doch an jedem Handgelenk eine Uhr.
OSCAR
Sie stehen still. Ich mag es lieber, wenn die Zeit stillsteht. Das gibt einem Zeit zum Nachdenken.