Die Maschinen, die unsere Gedanken lesen

Die Maschinen, die unsere Gedanken lesen

Ein kurzes Handbuch zur Neurotechnologie
25 septembre 2026
13 mins de lecture

Die Maschinen, die unsere Gedanken lesen:
Ein kleiner Einblick in die Neurotechnologie

Das Buch als Ergänzung zum Podcast

Wichtig ist – und das sollte man im Hinterkopf behalten –, dass die Möglichkeit, die Antworten eines Chatbots zu bestimmen, gleichbedeutend ist mit der Möglichkeit, den Gesprächspartner zu manipulieren.

Der belagerte Geist
Wie man sich im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz nicht manipulieren lässt
Bruno Giussani, 2026, Scheidegger & Spiess

Die komplette Staffel

Diese sechsteilige Serie (ergänzt durch eine „Bonusfolge” mit einer immersiven Fiktion) wurde von Bruno Giussani, einem Experten für gesellschaftliche Fragen im Zusammenhang mit digitalen Technologien, geschrieben und präsentiert. Sie untersucht eine ebenso unsichtbare wie entscheidende Dimension zeitgenössischer Konflikte: die Integrität unseres Geistes.

Transkript

Sie hören den Deftech-Podcast von armasuisse über Technologiefrüherkennung.

Folge 3: Die Maschinen, die unsere Gedanken lesen: Ein kleiner Einblick in die Neurotechnologie.

BRUNO GIUSSANI

Schauen Sie sich mal um. Wie viele Personen kennen Sie, die eine Smartwatch, einen Smartring, Fitnessarmbänder oder Brillen mit integrierten Kameras und Computer tragen? Vielleicht sogar Sie selbst?

Diese am Körper getragenen oder in Kleider integrierten Geräte ermöglichen, auf Benachrichtigungen und Informationen zuzugreifen, aber auch körperliche Aktivitäten, Schlaf, Vitalfunktionen und Emotionen, ja sogar die Aufmerksamkeit zu überwachen. Mit anderen Worten bieten sie ein besseres Verständnis unseres Körpers. Sie sind vernetzt und häufig mit KI-gestützten Systemen gekoppelt und umfassen weitere fortschrittliche Technologien.

Intelligente Ohrhörer oder «Smart Earbuds» in Englisch dienen natürlich dazu, Musik zu hören, können aber auch mit Beschleunigungsmessern und Kreiseln ausgestattet sein, um Bewegungen der Person zu erfassen oder die Haltung zu überwachen.

Diese kleinen Geräte sind die Avantgarde und verkörpern die erste allgemeine Nutzung einer ganz neuen Ebene der Integration zwischen Mensch und Maschine.

Dabei basieren sie nicht mehr – so wie in den vorigen Folgen aufgezeigt – auf unseren im Alltag hinterlassenen digitalen Spuren, sondern auf den Daten unseres Körpers und unseres Gehirns.

So machen sie den Weg frei zur personenbezogenen Neurotechnologie. Dieser Bereich ist eine Mischung aus Neurowissenschaften, Engineering, Informatik und weiteren Disziplinen, um eine Familie von Technologien zu entwickeln, die mit dem Gehirn und dem menschlichen Nervensystem interagieren sollen.

Konkret zielen sie darauf ab, die Hirnfunktionen im Rahmen der psychischen Gesundheit zu überwachen, zu verstehen und zu verbessern oder die Einschränkungen, die sich beispielsweise aus einer Teil- oder Volllähmung ergeben, zu überwinden. Natürlich versprechen diese auch, neue Stufen der kognitiven Leistungsfähigkeit und Produktivität zu erreichen.

Sie werfen aber auch weitreichende Fragen zur Kontrolle, Manipulation und Bewahrung der geistigen Autonomie auf.

Tatsächlich verstehen wir die Funktionsweise des menschlichen Gehirns und der menschlichen Intelligenz noch immer nur zum Teil. Das Bewusstsein ist ein eigenes Universum, das grösstenteils vom Unbekannten umgeben wird.

Gleichwohl haben aussergewöhnliche Technologien in den letzten Jahrzehnten ermöglicht, das Gehirn, die unbewussten neuronalen Prozesse, die Emotionen und kognitive Verzerrungen immer besser zu verstehen.

Diese Erkenntnisse werden inzwischen für die Entwicklung anderer Technologien verwendet, die diese kognitiven Prozesse beeinflussen und manipulieren, Gedanken herbeiführen und den Bereich der Wahrnehmung umprogrammieren können.

JINGLE

Der Deftech-Podcast gehört zum Technologiefrüherkennungsprogramm von armasuisse Wissenschaft und Technologie. Ich bin Quentin Ladetto und leite dieses Forschungsprogramm.

Unser Auftrag besteht darin, die technologischen Fortschritte samt ihrer Verwertung zum Nutzen der Akteure des Eidgenössischen Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport, aber auch der Öffentlichkeit vorwegzunehmen.

In dieser ersten sechsteiligen Staffel «Die kognitive Bedrohung» habe ich einen Experten für die sozialpolitischen Auswirkungen digitaler Technologien, Bruno Giussani, gebeten, die Herausforderungen in Zusammenhang mit der kognitiven Integrität und Sicherheit zu entschlüsseln. Und das mithilfe von Experten und einigen künstlichen Stimmen, die Sie erraten müssen! – Bruno wird uns einen Querschnitt über die Bedrohungen bieten, denen unser Bewusstsein im Zeitalter der allgegenwärtigen Bildschirme, der künstlichen Intelligenz und der Neurotechnologien ausgesetzt ist.

Dabei werden die Mechanismen, die Auswirkungen auf den Einzelnen und das Kollektiv sowie die Risiken und mögliche Antworten erörtert.

BRUNO GIUSSANI

Denken Sie an die Absicht, die sich in eine Handlung verwandelt, den Computer, der durch Gedanken gesteuert wird, wobei ein Cursor über den Bildschirm geführt oder die Bewegung einer Maschine ausgelöst wird.

Genau das ist der Zweck von Gehirn-Computer-Schnittstellen (englische Abkürzung BCI: brain-computer interfaces), mit denen externe Geräte ohne Tastatur oder Maus durch Gedanken gesteuert werden sollen, wobei eine direkte Verzahnung zwischen der Hirnaktivität und den digitalen Systemen entsteht.

In dieser Hinsicht gibt es sogenannte «invasive» Ansätze – wie denjenigen des Startups Neuralink –, wobei Elektronen physisch in das Gehirn eingesetzt werden. Die Elektronen erfassen die Aktivität der Neuronen und übertragen die Signale an externe Geräte, die sie anschliessend in digitale Befehle umwandeln. Dadurch werden auch gelähmte Personen künftig Schach spielen oder mit dem Computer schreiben können.

Bei den «nicht invasiven» Technologien wie von der Firma Emotiv werden Elektroden an der Kopfhaut angebracht, um die Hirnaktivität zu überwachen und ein Elektroenzephalogramm (EEG) der Person aufzuzeichnen.
 
 Einen Mittelweg stellt der «halbinvasive» Ansatz dar. Dabei ist zwar kein chirurgischer Eingriff am Gehirn erforderlich, es können aber Elektroden oder sonstige Systeme über die Blutgefässe bis in die Nähe der gewünschten Zone eingesetzt werden.

Laut einer Datenbank der Nationalbibliothek für Medizin laufen in den USA aktuell 47 Studien über Gehirn-Computer-Schnittstellen.

Die Entwicklungsspanne dieser Technologien ist – wie auch im Hinblick auf künstliche Intelligenz erwähnt – lang. Dass es sich beim menschlichen Gehirn um ein elektrisches System handelt, wurde vor mehr als 100 Jahren erkannt. Doch die Erforschung dieser Signale erforderte bis vor Kurzem teuere, komplexe und empfindliche Laborgeräte.

In den letzten Jahren hat sich die Kurve fortwährend beschleunigt, und die Technologie hat inzwischen die Labore verlassen. Nunmehr ist es mit vergleichsweise günstigen Geräten möglich, eine grosse Menge an Daten über unsere Gehirne zu erfassen und zu versuchen, die Botschaft dieser Daten zu entschlüsseln.

Auch ist vorstellbar, diese Schnittstellen in umgekehrter Richtung zu verwenden, um die Hirnaktivität aktiv zu gestalten, d. h., Gedanken zu steuern, die Interpretation der Realität zu beeinflussen, Entscheidungen zu lenken und falsche Erinnerungen zu erzeugen. Ferner ist denkbar, dass sich eines Tages nur durch die Modulation elektrischer Signale völlig realistische, gefühlte und bewegende Erlebnisse erzeugen lassen.

Jean-Marc Rickli, Leiter der Abteilung «Globale und neu auftretende Risiken» am Genfer Zentrum für Sicherheitspolitik, erläutert die Funktionsweise dieser Technologien anhand eines Beispiels:

 

 

JEAN-MARC RICKLI

Man denke beispielsweise an die Kameras in einer VR-Brille, wie sie letztes Jahr von Apple auf den Markt gebracht wurde. Solche Brillen betrachten und verfolgen permanent das Auge ihres Nutzers.

Durch die Kopplung dieser visuellen Informationen, die von externen Reizen herrühren, mit neuronalen Sensoren in dieser Brille wird es möglich, das, was eine Person sieht, mit der Hirnregion zu koppeln, die aktiviert wird.

Folglich wird sich schlussendlich herausfinden lassen, welche Art visueller Informationen welche Reaktion auslöst.

BRUNO GIUSSANI

Olivier Desjeux ist ein Schweizer Experte für Elektrotechnologie. Gegenwärtig arbeitet er an einem Bericht über kognitive Resilienz für Deftech.

Hierzu beschäftigt er sich mit Patenten von Geräten, die zum Internet der Dinge bzw. dem IOT – «The Internet of Things» – gehören:

OLIVIER DESJEUX

Die Analyse eingereichter Patente zeigt, dass alle IOT-Systeme im Wesentlichen für wohlwollende Zwecke entwickelt werden.

In ethischer Hinsicht sind dies äusserst edle Gründe. Häufig wird dabei der Nutzen für die Gesundheit oder die Sicherheit von Personen hervorgehoben.

Nehmen wir das Beispiel eines Nervenflusssensors, der Epileptiker vor bevorstehenden Anfällen warnen kann. Oder Geräte zur Messung der Herzfrequenz und des Herzdrucks, die allgemein bekannt und sehr nützlich sind. Irgendwann könnten Personen, die eine Bewegungsfunktion verloren haben, diese über neuronale Schnittstellen zurückerlangen.

BRUNO GIUSSANI

Es gibt auch zahlreiche Anwendungen in der Berufswelt. So tragen die Fahrzeugführer des Hochgeschwindigkeitszugs von Peking nach Shanghai und damit der meistbefahrenen Strecke der Welt Sensoren in ihren Mützen, um den Grad ihrer Wachsamkeit und ihrer Ermüdung zu überwachen. Man würde jetzt sagen, das ist in China. Auch wenn China in diesen Technologien führend ist, verwenden Tausende von Unternehmen in den Bereichen Bergbau, Bauwesen und Transport weltweit vergleichbare Systeme.

Weitere Ansätze versprechen die Nutzung einer bekannten Rückmeldetechnik wie Neurofeedback, um unsere Grenzen zu überwinden, d. h. die Verbesserung von Wahrnehmung, Effizienz, Konzentration, Gedächtnis oder sportlichen Leistungen, etwa auf Ebene der motorischen Koordination und der Reflexe. Ebenso könnten die individuellen Muster der Gehirnaktivität von Schülern und ihre emotionalen Zustände genutzt werden, um ein optimales Lerntempo zu gewährleisten. Schon jetzt befassen sich mehrere Startups mit der Entwicklung solcher Produkte.
 
Die wohlwollende Absicht, die mit der Schaffung einer Technologie verbunden sein kann, sagt gleichwohl nichts aus über die Art und Weise, wie die Technologie künftig genutzt und mit welchen Folgen sie verbunden sein wird. Man denke beispielsweise an Ultraschall, eines der weltweit meistverwendeten Verfahren für die diagnostische Bildgebung.

Entdeckt wurde der Ultraschall vor fast 200 Jahren durch die Untersuchung des Flugs von Fledermäusen und der Ausbreitung von Schall im Wasser. Ultraschall wurde unter anderem eingesetzt für die Kartographierung von Meeresböden, die Entdeckung des Wracks der Titanic, das Orten feindlicher U-Boote, die Gebäudereinigung und sogar für die Bestimmung des Geschlechts eines Fötus durch Ultraschallbildgebung. In der modernen Medizin fungiert er als wichtiges Diagnose- und Behandlungsinstrument.

Allerdings wurde er in China ab Ende der 1970er-Jahre für die Umsetzung der Ein-Kind-Politik eingesetzt und zog unmittelbar die die Tötung von Millionen weiblicher Föten sowie demografische und gesellschaftliche Folgen nach sich, die bis heute spürbar sind.

Mit anderen Worten ist die Diskussion über die möglichen Anwendungsfelder einer neuen Technologie problematisch. Ein Unternehmen hat Zugriff auf die Gehirnwellen seiner Mitarbeitenden, wie im Beispiel des Fahrzeugführers, weil dies aus Sicherheitsgründen erforderlich ist, oder, um das Stressniveau zu überwachen und das psychische Wohlbefinden zu verbessern. Eigentlich alles positiv.

Doch es stellt sich die Frage, wann die Schwelle zur Überwachung, ja sogar zum Zwang überschritten ist.

So werden die Technologien zu einer neuronalen Erweiterung dessen, was heute als «Bossware», d. h. die Software von Vorgesetzten, bekannt ist. Diese Systeme überwachen Tastaturanschläge und Internetnutzung, fertigen Screenshots an und fotografieren sogar Mitarbeitende, um ihre Aktivitäten zu kontrollieren und die Produktivität zu maximieren.

Ein Unternehmen vermarktet bereits ein Produkt aus dem militärischen Bereich, dessen Name selbsterklärend ist: «Cognitive Command and Control».

Eine ganze Branche, d. h. das Neuromarketing, nutzt seit längerer Zeit bereits physiologische und zerebrale Messungen, um die Beweggründe, Vorlieben und Entscheidungsprozesse von Konsumenten zu verstehen und Kaufentscheidungen zu beeinflussen. Warum sind beispielsweise Hollywood-Filme und bestimmte Werbespots so fesselnd? Weil sie neurologisch getestet wurden. Dabei sehen sich Personen die Filme an, auf deren Köpfen Sensoren zur Messung der Reaktionen ihres Gehirns angebracht sind. Daran orientiert sich schliesslich der finale Filmschnitt.

Manche Menschen sinnieren über eine Zukunft mit Werbung, die in Träume eingebaut wird. Andere wiederum stellen sich mit künstlicher Intelligenz vernetzte Gehirne vor, die symbiotische Reflexionen entwickeln. Schon bald werden Millionen Menschen über eine Gehirn-Computer-Schnittstelle oder VR-Brillen Online-Spiele spielen. Andere wiederum werden Neurofeedback verwenden, um ihr Selbstvertrauen zu stärken und einen positiven mentalen Zustand zu fördern.

Neu entstehende Bereiche wie die Neuroarchitektur untersuchen, wie Neuronen in verschiedenen physischen Umgebungen reagieren, und umgekehrt, ob es möglich ist, Räume zu schaffen, die über Sensorsysteme messen können, wie aufgeregt, gestresst oder feindselig darin befindliche Personen sind.

Und dies wird häufig mit Vorrichtungen erfolgen, die kaum oder überhaupt nicht wahrnehmbar sind.

Olivier Desjeux erklärt uns das genauer:

OLIVIER DESJEUX

Die uns umgebenden Sensoren und Aktuatoren werden nach und nach unsichtbar, geruchlos und unmerklich, sodass man sie vergisst und nicht mehr wahrnimmt.

Ein Beispiel sind ‹earbuds›, die häufig als intelligente Ohrhörer bezeichnet werden. Einige Menschen tragen diese den ganzen Tag über so selbstverständlich, dass sie sie gar nicht mehr bemerken.

Zu den letzten Neuheiten zählen Geräte des Weltmarktführers für Hörhilfen, die mit KI-gestützten Mikroprozessoren ausgestattet sind.

Diese künstliche Intelligenz soll Hintergrundgeräusche erkennen und ausfiltern, um den Trägern dieser Apparate bzw. Hörhilfen eine bessere Tonqualität zu bieten

BRUNO GIUSSANI

Auch wenn ein solcher Apparat die Lebensqualität seiner Nutzer deutlich verbessert, ist er mit einem praktisch unsichtbaren KI-fähigen Chip nahe dem Gehirn versehen. 

Gleiches gilt für die Ohrhörer, die optimal positioniert sind, um Emotionen über Gehirnsignale zu «lesen».

OLIVIER DESJEUX

Ein Grundsatz der Quantenphysik besagt, dass die Genauigkeit der Position eines Teilchens abnimmt, je präziser man die Geschwindigkeit dieses Teilchens misst. Das gilt auch für uns.

Das blosse Wissen darüber, dass unsere physiologischen Parameter gemessen und überwacht werden, verändert bereits unsere Funktionsweise.

Und das trifft mehr oder weniger auf alle Menschen zu. Es kann zu besseren Verhaltensweisen führen, wie die Anordnung, jeden Tag mindestens 10 000 Schritte zu gehen.

Doch diese Technologien sind allesamt ein zweischneidiges Schwert. Denkbar ist, dass die Summe aller dieser Daten auf Ebene eines Unternehmens, das sich unethisch verhalten könnte, oder sogar auf Ebene eines feindlichen Landes erhoben wird.

Demgemäss ist es im Anschluss vergleichsweise einfach, Korrelationsmuster zu entwerfen, anhand deren eine Operation der Beeinflussung durchgeführt werden kann.

BRUNO GIUSSANI

Auch wenn die Bewusstseinskontrolle bislang insbesondere Stoff für Science-Fiction ist, haben Regierungen immer wieder versucht, solche Fähigkeiten zu entwickeln.

Bisweilen wird die Frage gestellt, ob sich Individuen anhand ihrer jeweiligen zerebralen Muster, d. h. ihrer eigenen «kognitiven Signatur», identifizieren lassen. Möglicherweise werden diese «Signaturen» eines Tages Teil unseres LinkedIn-Profils sein und bei Rekrutierungsprozessen genutzt.

Fortschritte gibt es jedoch nicht nur beim Entschlüsseln und Lesen von Gedanken und Erinnerungen, sondern auch beim Verändern und Implantieren neuer Gedanken und Erinnerungen.

Die kurzfristige Hirnaktivität lässt sich bereits durch Technologien wie die transkranielle Magnetstimulation beeinflussen. Bei diesem Verfahren werden elektrische Ströme induziert, die auf die Aktivität der jeweiligen Neuronen einwirken.

Dies kann helfen, eine Depression zu überwinden. Bei tiefgreifenderen Veränderungen ist Präzision gefragt, denn selbstverständlich unterscheidet sich jedes Gehirn physisch geringfügig von anderen. Um hier etwas zu bewirken, sind folglich hochspezialisierte Methoden erforderlich.

In dieser Hinsicht weisen invasive Schnittstellen einen Vorteil auf, da es sich bei ihnen um ein Netz von Leitungen handelt, die direkt in das Gehirn implantiert werden. Dementsprechend könnten diese unter dem Blickwinkel der persönlichen Freiheit problematischer sein.

Aber auch mit nicht invasiven Systemen lassen sich neue Hirnaktivitätsschemata passiv einschleusen. So führten beispielsweise 2024 Forschende der US-Universitäten Rochester, Yale und Princeton eine aufsehenerregende Studie durch.

Mithilfe der funktionellen Magnetresonanzbildgebung und eines Neurofeedbacksystems gelang es ihnen, in das Gehirn der Teilnehmenden eine neue Information einzuschleusen – so als ob diese Information erlernt worden wäre, aber ohne bewusste geistige Anstrengung.

Die Forschenden beschrieben das Ergebnis ihrer Arbeit so:

SYNTHETISCHE STIMME

Dieser Feedback-Mechanismus hat die Hirnaktivität der Teilnehmenden wirksam beeinflusst und sie zum gewünschten Schema geführt.

BRUNO GIUSSANI

Die Methode könnte dazu beitragen, Lernprozesse zu beschleunigen, da hierfür keinerlei Anstrengungen, Studien oder Übungen erforderlich sind. Sie könnte auch für die Rehabilitation eingesetzt werden, etwa um Betroffenen von Schlaganfällen zu helfen, ihre Hirnfunktionen zurückzuerlangen.

Dass solche und vergleichbare Forschung den Weg für weniger wohlwollende Zwecke ebnet, liegt auf der Hand.

Nita Farahany, Professorin für Rechtswissenschaft an der Duke University, zählt zu den weltweit besten Experten für diese Fragen. In ihrem 2023 erschienenen Buch «The Battle for Your Brain» (Die Schlacht um Ihr Gehirn) beschäftigt sie sich ausgiebig mit diesem Thema.

Zusammengefasst und von uns sinngemäss übersetzt sagt sie darin unter anderem:

SYNTHETISCHE STIMME

Mich begeistert das Versprechen dieser Technologie, die Lebensqualität von Menschen zu verbessern. Diese Technologien erfassen unsere Hirndaten, um uns zu helfen, schneller, effizienter, sicherer und gesünder zu werden. Folglich täten wir gut daran, die Rohdaten unserer Hirnaktivität zu teilen. Einzeln und gemeinsam würden wir einen grossen Nutzen aus dem ziehen, was wir dadurch lernen könnten.

Doch die Medaille hat auch eine Kehrseite, eine Büchse der Pandora, die mir den Schlaf raubt. In Gesetzen und internationalen Verträgen wird dem Individuum nicht einmal eine minimale Souveränität für sein eigenes Gehirn zugestanden. Zwar wird es noch nicht morgen sein, aber wir steuern rasch auf eine Welt vollständiger zerebraler Transparenz zu, in der die Fortschritte der Neurotechnologie Wissenschaftlern, Ärzten, Regierungen und Unternehmen ermöglichen werden, unsere Gehirne und unser Bewusstsein nach Belieben auszukundschaften.

Meine Befürchtung ist, dass wir unsere letzte Bastion der Freiheit – unsere geistige Privatsphäre – in naher Zukunft freiwillig oder unfreiwillig schleifen werden. Dass wir den Zugang zu unserer Hirnaktivität mit kommerziellen Unternehmen gegen Preisnachlässe, den kostenlosen Zugriff auf soziale Netzwerke, ja sogar als Bedingung für die Erhaltung unseres Arbeitsplatzes eintauschen. Neurotechnologie könnte am Arbeitsplatz und in Schulen obligatorisch werden: kein Armband, kein Job.

Klar ist: Die Daten selbst sind nicht dasselbe wie unsere Gedanken und unsere Gefühle. Aber leistungsfähigen Algorithmen für maschinelles Lernen gelingt es immer besser, die Hirnaktivität in das umzuwandeln, was wir fühlen, sehen, uns vorstellen oder denken. Wenn wir uns für die Nutzung solcher Geräte entscheiden, könnten wir weitaus mehr aufdecken als uns lieb ist.

BRUNO GIUSSANI

Bei sachgemässer Nutzung können diese Technologien unbestreitbare Vorteile für den Einzelnen und das Kollektiv bringen. Sie könnten die Sicherheit erhöhen, die Aufmerksamkeit und die Leistung verbessern.

Aber sie gefährden unsere kognitive Freiheit, unser Recht auf Selbstbestimmung für unser Gehirn und unsere geistigen Erfahrungen auf entscheidende Weise. Häufig setzt bei unserer Hirnaktivität eine Veränderung ein, bevor wir es merken, etwa wenn wir in eine Depression oder in Angst verfallen.

Was wäre, wenn von Unternehmen oder Regierungen kontrollierte Maschinen unsere Gedanken kennen könnten, bevor wir sie überhaupt hegen?

Dies ist eine wesentliche Herausforderung der Neurotechnologie. Verstehen, dass Hirndaten sensible Daten sind. Festlegen, wer sie sammeln und – auf welche Weise – verwenden kann.

Hier geht es nicht nur darum, unsere Fähigkeiten zu erweitern (was die Neurotechnologie auf spektakuläre Weise verspricht), sondern auch, sie zu schützen.

Sicherstellen, dass diese Technologien uns helfen, unser Verständnis und unsere Entscheidungsfindung zu verbessern – statt einer Organisation zu erlauben, für uns zu entscheiden. Und vor allem vermeiden, dass die Erweiterung unserer zerebralen Fähigkeiten uns als Menschen schwächt und uns anfälliger für Manipulation macht.

All das kann ein wenig abstrakt erscheinen. Nicoletta Iacobacci, eine Forscherin, die sich mit Technikethik beschäftigt, fasst unsere Herausforderung zusammen:

NICOLETTA IACOBACCI

Die grossen Tech-Unternehmen, insbesondere in den USA und China, wollen Formen künstlicher allgemeiner Intelligenz erschaffen, d. h. Systeme, die das menschliche Denken nachahmen können.

Gleichzeitig verrät uns das Gehirn und damit der komplexeste Teil des menschlichen Körpers, der lange Zeit als unverständlich galt, allmählich seine Geheimnisse.

Man muss sich ernsthaft fragen, ob diese beiden Entwicklungsachsen zusammenlaufen werden und dann eine Maschine entsteht, die uns in puncto Rechengeschwindigkeit und -leistung, aber auch im Hinblick auf detaillierte Kenntnisse über unsere mentalen und emotionalen Muster übertreffen würde.

Wir haben gute Gründe, uns vor einem kollektiven Gehirn und einer Superintelligenz zu fürchten, tragen aber jeden Tag zu ihrer Erschaffung bei.

BRUNO GIUSSANI

So wie Nita Farahany sagt, tritt all das nicht sofort ein. Doch die Technologie schreitet mit Riesenschritten voran und gibt eine Zukunft vor, mit der wir uns arrangieren müssen.

Folglich wird es dann von entscheidender Bedeutung sein, über Resilienz und kognitive Robustheit nachzudenken.

In der vierten Folge weiten wir diese Analyse auf einen wichtigen Bereich aus, den wir noch nicht angesprochen haben – den Krieg.

Mein Name ist Bruno Giussani, und dies ist der DEFTECH-PODCAST.

Vielen Dank fürs Zuhören.

Deftech Podcast

Idee & Projektion : Quentin Ladetto

Kognitive Bedrohung

Konzeption und Redaktion : Bruno Giussani

Realisierung : Anna Holveck
Aufnahme : Denis Democrate
Mixage : Jakez Hubert
Cover : Cécile Cazanova

Fiktion

Redaktion : Martin Quenehen
Schauspielerin : Chantal Busse
Sound design : Felix Davin

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