Kognitive Kriegsführung

Kognitive Kriegsführung

Wenn das Gehirn zum Schlachtfeld wird.
25 septembre 2026
18 mins de lecture

Kognitive Kriegsführung : Wenn das Gehirn zum Schlachtfeld wird.

Das Buch als Ergänzung zum Podcast

Wichtig ist – und das sollte man im Hinterkopf behalten –, dass die Möglichkeit, die Antworten eines Chatbots zu bestimmen, gleichbedeutend ist mit der Möglichkeit, den Gesprächspartner zu manipulieren.

Der belagerte Geist
Wie man sich im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz nicht manipulieren lässt
Bruno Giussani, 2026, Scheidegger & Spiess

Die komplette Staffel

Diese sechsteilige Serie (ergänzt durch eine „Bonusfolge” mit einer immersiven Fiktion) wurde von Bruno Giussani, einem Experten für gesellschaftliche Fragen im Zusammenhang mit digitalen Technologien, geschrieben und präsentiert. Sie untersucht eine ebenso unsichtbare wie entscheidende Dimension zeitgenössischer Konflikte: die Integrität unseres Geistes.

Transkript

Sie hören den Deftech-Podcast von armasuisse über Technologiefrüherkennung.

Folge 4: Kognitive Kriegsführung: Wenn das Gehirn zum Schlachtfeld wird.

BRUNO GIUSSANI

Aktuell gibt es weltweit mehr als 50 bewaffnete Konflikte. Dabei handelt es sich um «kinetische» Konflikte, in deren Rahmen Streitkräfte oder Milizen einem Feind mit Gewehren, Panzern, Flugzeugen, Drohnen und Raketen Personen- und Sachschäden zufügen wollen.

Dies sind die Konflikte, die im Fernsehen zu sehen sind und von Gewalt, Blut und Zerstörung zeugen. Es gibt aber noch zahlreiche weitere Konflikte, die nicht zu sehen sind. Sie werden nicht erklärt, sind unsichtbar und verursachen keine physischen Schäden, wobei die angegriffene Partei oft nicht einmal weiss, dass sie das Ziel ist. Ihre Waffen sind Informationen, Computer und Netzwerke, Psychologie, Linguistik und Neurobiologie.

In den vorigen Folgen dieses Podcasts haben wir den Begriff «Krieg» nicht verwendet. Doch die von mir soeben beschriebenen Konflikte begründen eine neue Kriegsform: die «kognitive Kriegsführung».

Dies ist der Titel eines von François du Cluzel, einem französischen Forscher bei der NATO, 2020 veröffentlichten Aufsatzes. Er beginnt mit folgenden Worten:

SYNTHETISCHE STIMME

Die Art des Krieges hat sich verändert. Das menschliche Bewusstsein gilt von nun an als neuer Bereich des Krieges.

BRUNO GIUSSANI

Du Cluzel spricht in seinen Ausführungen nur wenig über den Informationskrieg, d. h. einen Krieg aus Propaganda, Desinformation und «PsyOps» bzw. psychologischen Operationen. Auch der Cyberkrieg und damit die Cyberangriffe, die im digitalen Zeitalter zum Dauerthema geworden sind, werden nicht behandelt. Auch der Einfluss der «Soft Power» bleibt unerwähnt.

Dafür wird eine andere Bedrohungsebene hervorgehoben: die kognitive Bedrohung. Deren Ziel ist es nicht, Daten zu stehlen oder über «Fake News» die Gedanken von Individuen zu beeinflussen. Verändert werden soll vielmehr ihre Denkweise und ihre Fähigkeit, Wissen zu besitzen und sich in ihrem Umfeld zu orientieren und eigenständig über ihr Handeln zu entscheiden. Wie wir in der dritten Folge erörtert haben, besteht das zentrale Instrument dieses Krieges darin, das immer detailliertere und vertrauliche Wissen über Menschen und ihr Gehirn mithilfe von Technologie auszuschlachten. «Daten» und Neurowissenschaft.

Du Cluzels Vision ist übrigens keine Zukunftsprognose. Der kognitive Krieg hat längst begonnen. Konkret umfasst er eine Reihe von Praktiken und Technologien zur Subversion, die mehr oder weniger erfolgreich von einer Vielzahl staatlicher und nichtstaatlicher Akteure angewendet werden.

Man beachte den von du Cluzel verwendeten Ausdruck: «ein neuer Bereich des Krieges». Moderne Armeen gliedern sich im Allgemeinen in fünf Bereiche: Heer, Marine, Luftwaffe, Weltraum und Cyberraum. Nun kommt als Nummer 6 der kognitive Bereich hinzu, in dem Psychologie, Neurobiologie und Technologie zu einem uralten Konzept verschmelzen – dem Sieg ohne Gefecht.

Dieses Konzept wurde bereits vor 2500 Jahren von Sun Tzu in seinem Werk «Die Kunst des Krieges» geprägt.

Dem chinesischen Strategen zufolge sollte man unsichtbar und unhörbar sein, um – ich zitiere – «das Schicksal seiner Feinde in seiner Hand zu halten». Denn die Kunst des Krieges, so schreibt er, besteht darin, «den Feind ohne Gefecht zu besiegen».

JINGLE

Der Deftech-Podcast gehört zum Technologiefrüherkennungsprogramm von armasuisse Wissenschaft und Technologie. Ich bin Quentin Ladetto und leite dieses Forschungsprogramm.

Unser Auftrag besteht darin, die technologischen Fortschritte samt ihrer Verwertung zum Nutzen der Akteure des Eidgenössischen Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport, aber auch der Öffentlichkeit vorwegzunehmen.

In dieser ersten sechsteiligen Staffel «Die kognitive Bedrohung» habe ich einen Experten für die sozialpolitischen Auswirkungen digitaler Technologien, Bruno Giussani, gebeten, die Herausforderungen in Zusammenhang mit der kognitiven Integrität und Sicherheit zu entschlüsseln. Und das mithilfe von Experten und einigen künstlichen Stimmen, die Sie erraten müssen! – Bruno wird uns einen Querschnitt über die Bedrohungen bieten, denen unser Bewusstsein im Zeitalter der allgegenwärtigen Bildschirme, der künstlichen Intelligenz und der Neurotechnologien ausgesetzt ist.

Dabei werden die Mechanismen, die Auswirkungen auf den Einzelnen und das Kollektiv sowie die Risiken und mögliche Antworten erörtert.

BRUNO GIUSSANI

Am Mittwoch, den 18. September 2024 debattierte der Nationalrat und damit eine der beiden Kammern des Schweizer Parlaments am Nachmittag über den Auftrag der Armee, als die Abgeordnete der Mitte-Partei, Isabelle Chappuis, das Wort ergriff.

ISABELLE CHAPPUIS

Liebe Kolleginnen und Kollegen, stellen Sie sich eine Welt vor, in der Ihre Gedanken Ihnen nicht mehr wirklich gehören.

BRUNO GIUSSANI

Eine Einleitung zu einer Rede, die den Saal verstummen liess und die Aufmerksamkeit auf ihren Beitrag lenkte: die Aufnahme des sechsten Bereichs und damit des kognitiven Bereichs in die Zielwerte der Schweizer, d. h. der Grundsätze des Auftrags ihrer Armee:

ISABELLE CHAPPUIS

Der kognitive Krieg ist eine vollständig neue Konfliktform, die weitreichender und tiefgreifender ist als die Manipulation von Informationen oder Propaganda, so wie wir sie kennen.

Ziel ist, unsere Wahrnehmung der Realität und unsere Reaktion auf Ereignisse auf progressive und subtile Weise zu verändern – und das ohne unsere Zustimmung und häufig ohne, dass wir es merken.

Möglich wird dies durch immer bessere Kenntnisse über unsere Hirnfunktionen, die wiederum der künstlichen Intelligenz und dem sich ausweitenden neurowissenschaftlichen Instrumentarium zu verdanken ist.

Diese zunächst für wohlwollende Absichten entwickelten Technologien können künftig für einen Krieg um das menschliche Bewusstsein eingesetzt werden.

BRUNO GIUSSANI

Zwar versprechen viele dieser Technologien eine Verbesserung unserer kognitiven Leistungsfähigkeit, doch bieten sie auch die Möglichkeit, unsere Denkweise und unsere Entscheidungsfindung zu beeinflussen – und das auf spezifischer Ebene, d. h. dem Individuum, als auch auf universeller Ebene, d. h. der gesamten Gesellschaft.

Doch handelt es sich hier um eine Frage der nationalen Sicherheit, für die die Armee zuständig ist?

ISABELLE CHAPPUIS

Ja. Der kognitive Krieg setzt die klassischen Regeln bewaffneter Konflikte ausser Kraft.

Denn er lässt sich kostengünstig und in Friedenszeiten und ohne Kriegserklärung durchführen.

Dies erschwert erheblich die Identifizierung eines solchen Krieges und die Verteidigung. Ein solcher Krieg wird in den gängigen Militärdoktrinen bislang noch nicht erwähnt.

Ausserdem gibt es weder internationale Regeln noch zeitliche oder geografische Beschränkungen für einen kognitiven Konflikt.

BRUNO GIUSSANI

Der Vorschlag von Isabelle Chappuis erhielt an jenem Nachmittag die Mehrheit der Stimmen des Nationalrats. Drei Monate später befürwortete auch der Ständerat und damit die andere Kammer des Parlaments den Vorschlag. Seitdem ist die kognitive Dimension Bestandteil des Verteidigungsauftrags der Schweizer Armee.

Konkret ist dies die Verteidigung in einem billigeren und diskreten Krieg, der keine Sachschäden verursacht, die Grenzen zwischen Krieg und Frieden verschwimmen lässt, weder zeitlich noch geografisch beschränkt ist und sich plausibel leugnen lässt.

Auch wenn Sun Tzu den Krieg ohne Gefecht propagierte, war es ein anderer Stratege, der ganze Generationen von Streitkräften durch den konträren Ansatz tiefgreifend beeinflusste. In seinem Hauptwerk «Vom Kriege», das 1832 posthum veröffentlicht wurde, sprach der preussische General Carl von Clausewitz von der Vorrangstellung des Gefechts, der Schlacht als bevorzugtem und entscheidendem Moment, in dem Streitigkeiten durch bewaffnete Gewalt geregelt werden.

Gegen Mitte des letzten Jahrhunderts wurden seine Theorien durch das Aufkommen von Kernwaffen und das Prinzip der Abschreckung hinfällig. Ihre gewaltige Zerstörungskraft machte ihren Einsatz praktisch undenkbar.

Doch hier holen wir zu weit aus. Kommen wir über eine Hintertür wieder zum Thema zurück. In den letzten 40 Jahren vollzog sich der Siegeszug einer anderen, diesmal jedoch nichtmilitärischen transformativen Technologie: die Entstehung globaler Lieferketten und der Güterlogistik.

Sicherlich fragen Sie sich, was das mit unserem Thema zu tun hat.

Tatsächlich entstand beides aus rein ökonomischen Erwägungen: Man wollte geringere Arbeits- und Produktionskosten und Freihandel. Unterstützt wurde dies durch Technologien, die eine immer komplexere Koordinierung und eine Sichtbarkeit des Güterflusses in Quasi-Echtzeit ermöglichen. Für weitere Verbesserungen sorgten Bewirtschaftungspraktiken wie «Just-in-Time» und Bestandsminimierung.

Das Bestehen dieser Lieferketten zeugt von der immensen menschlichen Genialität. Was auch immer man von der globalisierten Wirtschaft samt ihren Folgen – und nachteilige Auswirkungen gibt es viele – denken mag, handelt es sich um eine Organisationstechnologie herausragender Komplexität.

Auch wenn die globalen Logistikketten zur wirtschaftlichen Globalisierung beigetragen haben, was aber hier nicht unser Thema ist, haben sie noch einen anderen Effekt bewirkt. Letzterer ist für uns von Interesse, da er sich auf die Sicherheit auswirkt.

Hierdurch gerieten nahezu alle Länder weltweit in ein Geflecht aus gegenseitigen wirtschaftlichen Interessen und Interdependenzen. Direkte bewaffnete Konflikte, die Leben, soziale und wirtschaftliche Strukturen und Infrastrukturen vernichten, wurden so wesentlich teurer und folgenschwerer.

Als Nebeneffekt stiegen das Interesse und die Vorteile des kognitiven Krieges um ein Vielfaches. Ein kognitiver Krieg ist unsichtbar, modulierbar, kostengünstig, verursacht keine materiellen Störungen und lässt sich führen, ohne grössere Schäden an der Infrastruktur der Globalisierung zu verursachen. Auch wenn der kognitive Krieg nichts mit der Clausewitzschen Vision vom gewaltsamen Gefecht als Moment zur Lösung von Streitigkeiten gemein hat, deckt er sich vollständig mit dem, was von Clausewitz als den Zweck des Krieges bezeichnete.

Auf der ersten Seite seines Werks schrieb er: «Der Krieg ist ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen.»

Stellen wir uns mithilfe einer künstlichen Stimme eine moderne Version eines von von Clausewitz vor, der Zugang zu TikTok, ChatGPT und anderen neurowissenschaftlichen Entdeckungen hätte:

SYNTHETISCHE STIMME

Der Krieg ist ein Akt der Informationsvernebelung und kognitiven Manipulation, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen.

BRUNO GIUSSANI

Auch wenn die kognitive Dimension die jüngste Variante des modernen Kriegs darstellt, dürfte sie am weitreichendsten und wichtigsten sein, zumal es dabei um die Fähigkeit geht, die Realität zu erkennen und entsprechend zu handeln, und folglich um das Verhalten der anderen.

Die USA, Russland, China und Frankreich und viele weitere Länder führen seit Jahren einschlägige Forschungsprogramme und Experimente durch.

MAURO VIGNATI

Die Armeen interessieren sich in erster Linie für diese Technologien, um ihre Kampfkraft zu stärken und sie dafür zu nutzen, ihre und die operativen Fähigkeiten ihrer Mitglieder zu erweitern und die kognitive Überlegenheit zu erlangen.

Auch wenn das noch nicht jenem «augmentierten Soldaten» bestimmter futuristischer Filme gleichkommt, geht es doch in diese Richtung.

Ausserdem werden KI und Neurotechnologien als Waffen erwogen, um die kognitiven Fähigkeiten eines Feindes anzugreifen und zu schädigen oder sich vor solchen Angriffen zu verteidigen.

BRUNO GIUSSANI

Die soeben erklungene Stimme gehört tatsächlich einem Menschen, nämlich Mauro Vignati, einem einschlägigen Experten des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz:

MAURO VIGNATI

Einerseits haben Armeen ihre Soldaten und Offiziere sowie deren Fähigkeit, Entscheidungen zu verstehen und zu treffen, vor feindlichen Interferenzen zu schützen.

Daher können diese Technologien auch dazu beitragen, ihre kognitive Leistungsfähigkeit zu verbessern, um mit der immer grösseren Komplexität des Krieges fertigzuwerden.

Andererseits müssen sie aber auch die Bevölkerung vor kognitiver Infiltration schützen, die die soziale Stabilität bedrohen, das Vertrauen zwischen Bürgern und Institutionen untergraben, die Risikowahrnehmung verschleiern oder den Willen zur eigenen Verteidigung schwächen kann.

BRUNO GIUSSANI

Befassen wir uns kurz mit dem ersten Aspekt Vignatis, der Bewahrung der Entscheidungsfähigkeit, und versuchen wir, dies anhand eines Beispiels zu erläutern. Zur Planung und Umsetzung militärischer Operationen gibt es das sogenannte «OODA-Loop», ein englisches Akronym aus den Anfangsbuchstaben von Observe, Orient, Decide, Act, d. h. Beobachten, Orientieren, Entscheiden, Handeln.

Dieses Instrument dient der Reaktions- und Anpassungsfähigkeit von Armeen und liefert einen strukturieren Rahmen für die Entscheidungsfindung.

In diesem Rahmen kann auf zwei verschiedene Weisen operiert werden.

  1. Gewinnen kann entweder derjenige, der den Loop schneller durchlaufen kann als der Gegner,
  2. oder derjenige, der den Loop durchdringen kann, um ihn zu stören.

Obwohl die vier Schritte auf den ersten Blick gleichberechtigt sind und aufeinanderfolgen, fusst der OODA-Loop auf dem zweiten Schritt, d. h. dem «O» bzw. Orientieren. Dabei werden die Informationen ausgewertet, um die Bedrohung zu erkennen und die Optionen zu prüfen.

Folglich zielen Strategien des kognitiven Krieges vorwiegend auf diesen zweiten Schritt ab. Gelingt es dem Feind, Sie zu verunsichern – unabhängig davon, wie präzise Sie beobachten, wie schnell Sie entscheiden und wie effizient Sie handeln –, sind Sie in einer schwächeren Position.

Diese Gefahr der Verunsicherung betrifft übrigens nicht nur ausschliesslich den militärischen Bereich, sondern ist allgemeiner Natur.

MAURO VIGNATI

Wir leben in einer von Technologie und konstanter Informationsüberflutung geprägten Gesellschaft, der sogenannten ‹data economy›. Doch um die Daten geht es in Wirklichkeit gar nicht.

Die Überwachung und die Erfassung von Daten sind nur das Mittel.

Die Macht dieses neuen Kriegs – und das hat der Skandal um Cambridge Analytica und deren Rolle bei den US-Wahlen und der Brexit-Abstimmung vor einigen Jahren gezeigt – rührt von dem Einfluss her, den er auf menschliche Verhaltensweisen im kommerziellen, sozialen, politischen oder militärischen Bereich ausüben kann.

BRUNO GIUSSANI

Die technologische Durchdringung, vorwiegend auf digitaler Ebene, in unserem Alltag prägt das Umfeld, in dem sich dieser Einfluss entfaltet.

Erst vor dem Bildschirm wird jeder zu einer potenziellen Zielscheibe, aber auch zu einem potenziellen Akteur, d. h. einem «unfreiwilligen Soldaten» der kognitiven Schlacht.

MAURO VIGNATI

Propaganda unterliegt man auf passive Weise. Doch im kognitiven Krieg trägt jeder dazu bei, das Informationsökosystem zu gestalten, ohne es zu merken.

Dies erfolgt, indem enorme Datenmengen produziert, aber auch Informationen verbreitet werden.

Immer wenn auf sozialen Netzwerken ein Link zu einem Video oder einem Artikel geteilt wird, ohne dass er abgerufen oder überprüft wurde, besteht die Gefahr, Teil einer Kampagne für kognitive Beeinflussung zu werden.

BRUNO GIUSSANI

Technologien, die eigentlich zu Demokratisierung, Öffnung und Gleichbehandlung beitragen sollten, dienen nun der Beeinflussung und Manipulation.

Jean-Marc Rickli, der bereits Gegenstand einer vorigen Folge war, meint hierzu:

JEAN-MARC RICKLI

Alle Technologien dienen einem doppelten Zweck. Zunächst wurden sie allgemein zu positiven Zwecken im zivilen, beruflichen, kommerziellen, spielerischen und therapeutischen Bereich sowie zur Kommunikation mit Freunden oder den Zugriff auf Informationen bzw. sonstige Aspekte des täglichen Lebens konzipiert. Allerdings sind sie nichts anderes als eine Infrastruktur für den direkten Zugriff auf unseren Körper und unser Gehirn.

Die zunehmende Verwendung dieser Technologien in unserem Alltag ruft ein Phänomen der Gewöhnung und Sucht hervor, die unsere Kritikfähigkeit einschränkt und unsere Sensibilität für die mit diesen Technologien verbundenen Risiken verringert.

BRUNO GIUSSANI

Ce que Jean-Marc Rickli dit à propos de l’accoutumance par l’utilisation quotidienne va au delà des appareils auxquels on pense immédiatement – notamment, le smartphones.

En fait, des pans toujours plus larges de notre environnement sont régis par des algorithmes: le frigo connecté qui pourra vérifier combien vous consommez d’un tel produit; le poste de télévision « smart » qui non seulement sait ce que vous regardez, mais pointe une camera vers vous tandis que vous le faites; le miroir connecté qui remarquera peut-être votre état de fatigue et vous conseillera – et probablement partagera l’information avec quelqu’un qui saura l’exploiter.

Juste pour le fait qu’elle nous entoure, la technologie pervasive qu’on appelle « l’internet des objets » (IOT, « the Internet of Things ») a un impact sur notre cognitif.

Ceci résonne avec l’analyse des auteurs chinois Qiao Liang et Wang Xiangsui, général le premier, haut fonctionnaire le second, dont voici un paragraphe tiré du livre de 1999 « La Guerre Hors Limites » :

Jean-Marc Ricklis Ausführungen über die Gewöhnung aufgrund täglicher Nutzung beziehen sich nicht nur auf spontan in den Sinn kommende Geräte wie Smartphones.

Tatsächlich werden immer grössere Bereiche unseres Alltags von Algorithmen beherrscht. Man denke an den vernetzten Kühlschrank, der weiss, wie viel Sie von einem bestimmten Produkt verbraucht haben, der Smart-TV, der nicht nur weiss, was Sie konsumieren, sondern währenddessen auch eine Kamera auf Sie richtet, den vernetzten Spiegel, der vielleicht Ihre Ermüdung erkennt, Ihnen Tipps gibt und die Information an jemanden weiterleitet, der sie verwerten kann.

Gerade weil uns pervasive Technologie – übrigens als «Internet der Dinge» («Internet of Things», IOT) bezeichnet – umgibt, wirkt sie sich auf unsere kognitive Dimension aus.

Zu diesen Schlüssen gelangten auch die chinesischen Autoren Qiao Liang, ein Generalmajor, und Wang Xiangsui, ein hochrangiger Beamter, von deren 1999 erschienenem Werk «Krieg ohne Grenzen» nachfolgend ein Absatz wiedergegeben ist:

SYNTHETISCHE STIMME

Es muss klar sein, dass das neue Rüstungskonzept dabei ist, Waffen hervorzubringen, die eng mit dem Leben der Zivilbevölkerungen verflochten sind. Wir behaupten zunächst, dass das Aufkommen neuartiger Waffen künftige Kriege mit Sicherheit auf eine Stufe heben wird, die sich Individuen und selbst Militärs nur schwer ausmalen können.

Zweitens wird das neue Rüstungskonzept bei normalen Bürgern und Militärs für grosses Erstaunen sorgen, weil banale und vertraute Dinge auch zu Kriegswaffen werden können.

Wir sind überzeugt, dass die Menschheit eines Tages überrascht bemerken wird, dass lieb gewordene und friedliche Dinge plötzlich offensive und tödliche Eigenschaften besitzen.

BRUNO GIUSSANI

Tatsächlich ist es nicht einmal erforderlich, dass jemand eine böse Absicht entwickelt. Die blosse Verfügbarkeit vernetzter Geräte verändert schon unmittelbar unsere Art und Weise, wie wir mit der Welt in Beziehung treten. Unser Gedächtnis verschlechtert sich, weil wir uns daran gewöhnen, Informationen auf Google zu finden. Unsere Darstellung der Realität verschwimmt in der Schwierigkeit, Wahres von Falschem und Reales von Virtuellem zu unterscheiden.

Unsere Fähigkeit zu komplexem Denken weicht dem Gewicht der Hypergeschwindigkeit, der Unmittelbarkeit und der Emotionen.

Wir vertrauen mehr und mehr GPS-Systemen, wobei wir rechts abbiegen, wenn das Verkehrsschild nach links weist, das GPS-System aber nach rechts weist. Wir wollen sofortige Antworten, die Menschen aber nicht liefern können. All das und viele weitere Verzerrungen und mentale Vereinfachungen führen dazu, dass unsere Gehirne immer exponierter sind.

Der technologische Fortschritt – ob die Erfindung des Schwarzpulvers oder der Satelliten – hat schon immer Änderungen in Organisationen und Militärdoktrinen nach sich gezogen. Tatsächlich wurden bestimmte Technologien wie das Internet oder GPS ursprünglich für militärische Zwecke entwickelt, bevor sie später den Weg in unseren Alltag fanden.

Die US-Armee beschäftigt sich seit rund zehn Jahren mit dem kognitiven Krieg. Das gilt auch für die Russen und die Chinesen, die spezifische Doktrinen ausgearbeitet haben, zu denen ich an dieser Stelle Passagen aus dem Bericht von François du Cluzel für die NATO zitiere.

Dass Russland die asymmetrische algorithmusgestützte Kriegsführung nutzt, ist gut dokumentiert. Die Einmischung in Wahlen durch die Verbreitung falscher, betrügerischer und polarisierender Informationen über soziale Netzwerke, Trollfabriken und Cyberangriffe ist nichts Neues. Dabei wird der offene Charakter westlicher Gesellschaften und ihrer Mediensysteme ausgenutzt.

Der russische Ansatz stützt sich auf Techniken und Verfahren, die zuvor in der Sowjetunion entwickelt wurden. Gleichwohl besteht das Ziel nicht mehr darin, die Überlegenheit des eigenen Systems zu beweisen. Vielmehr geht es nun darum, Zweifel und Misstrauen zu säen und das feindliche System letztlich von innen heraus zu unterwandern.

Diese als «Doktrin der reflexiven Kontrolle» bekannte Vorgehensweise soll Gegner dazu bringen, durch Änderung ihres Weltbilds im Interesse Russlands zu handeln, indem dem Opfer zusätzlich vorgegaukelt wird, dass die Entscheidung bei ihm liegt.

Allgemein bekannt ist, dass die strategischen Planungshorizonte Chinas länger sind als in westlichen Ländern. China betreibt eine explizite Politik der doppelten Verwendung von Technologien für zivile und militärische Zwecke. Seine kognitiven Operationen drehen sich um zwei Schwerpunkte: zum einen die fundamentale Kognition, die Ansätze und Technologien zur Beeinflussung des Denkvermögens und der Funktionsweise eines Individuums umfasst, sowie zum anderen die subliminale Kognition, die sich auf Emotionen, Willenskraft und Überzeugungen konzentriert.

Neben anderen Initiativen unterhält die chinesische Armee eine Datenbank mit Ausländern, die sie als wichtig erachtet, weil diese wichtige politische, militärische und diplomatische Positionen innehaben. Ausserdem enthält die Datenbank Informationen über Zehntausende Personen und damit eine Liste offensichtlicher vorrangiger Ziele für kognitive Operationen.

Betrachten wir ein wenig näher, wie eine Beeinflussungsoperation abläuft. Jean-Marc Rickli:

JEAN-MARC RICKLI

In einem neuen Artikel, der von Forschenden der chinesischen Armee veröffentlicht wurde, werden im Bereich der kognitiven Konfrontation vier Schritte identifiziert.

Im ersten Schritt geht es um das, was sie als Störung der Information bezeichnen. Dies ist ein wenig mit dem Vorgehen der Russen in Bezug auf die reflexive Kontrolle vergleichbar. Man prägt mit staatlichen oder etablierten Medien ein Narrativ, um der Debatte Grenzen aufzuerlegen.

Der zweite Schritt, von ihnen als ‹diskursive Konkurrenz› bezeichnet, basiert auf dem, was Daniel Kahneman in seinem Buch «Thinking Fast and Slow» anhand der Tatsache aufzeigt, dass wir alle über zwei Denksysteme verfügen. System 1 ist ein spontanes, intuitives und emotionales System, das von Impulsen und Vorurteilen geleitet wird. System 2 ist dagegen wesentlich langsamer und rationaler und will eigentlich System 1 kontrollieren. Man sieht also, dass eine Asymmetrie zwischen der Art und Weise und der Geschwindigkeit beider Systeme besteht. Folglich zielt diskursive Konkurrenz auf System 1 bzw. auf die Vorurteile ab, füttert das System mit bestehenden Vorurteilen und erzeugt neue Vorurteile, sodass letztendlich, wenn man so will, eine Blase, d. h. eine Informationsblase, entsteht.

BRUNO GIUSSANI

Und eine Informationsblase ist so beschaffen, dass es sehr schwer ist, aus ihr herauszukommen und sich wieder auf Informationen zu besinnen, die die eigene Überzeugung widerlegen oder nuancieren.

JEAN-MARC RICKLI

Den dritten Schritt bezeichnen sie als ‹Ausschaltung der öffentlichen Meinung›. Dabei werden Gefühle analysiert, um ein Mapping bzw. Abbild einer bestimmten Bevölkerungsgruppe zu erstellen und zu ermitteln, wer in dieser Gruppe der Meinung A oder eher der Meinung B ist. Im Folgenden werden hauptsächlich über soziale Netzwerke massenweise Informationen verbreitet. Folglich wird die kognitive Ebene von einer Art ‹Schwarm› befallen. So entsteht ein kognitives Chaos.

Und das unterscheidet sich radikal von der bisherigen Praxis in Desinformationskriegen oder psychologischen Kriegen, in deren Rahmen Nachrichten in der Hoffnung versendet wurden, dass ein Teil der Bevölkerung darauf reagiert. Dieses Verfahren hingegen ermöglicht, sehr präzise auf Individuen abzuzielen, ihre Denkweise zu verstehen und ihnen Informationen zu übermitteln, um eine in die gewünschte Richtung gehende Reaktion zu erzeugen.

BRUNO GIUSSANI

Derartige Operationen sind definitionsgemäss unsichtbar und können selbst in Friedenszeiten erfolgen.

Erst der vierte Schritt ist ein wenig mit einem konventionellen Krieg vergleichbar:

JEAN-MARC RICKLI

Bei diesem Schritt geht es darum, den Gegenangriff zu vereiteln, indem insbesondere dessen Kommunikations- und Digitalsysteme neutralisiert werden.

BRUNO GIUSSANI

Die europäischen Länder, die sich einer rapiden Umgestaltung der Weltordnung gegenübersehen, verfolgen aktuell eine Politik der umfassenden Aufrüstung.

Nach Jahren der «Friedensdividenden» und Selbstgefälligkeit geht es darum, inzwischen überholte Sicherheitssysteme neu zu erfinden.

Angesichts unserer Feststellungen und der Tatsache, dass die bekannten kognitiven Kampagnen grösstenteils antidemokratische Visionen verfolgen, erscheint es notwendig, dass in den überall leicht steigenden neuen Verteidigungsbudgets ein beträchtlicher Anteil in die kognitive Bedrohung fliesst.

Ein erster Schritt ist die Einsetzung von Systemen zur frühzeitigen Überwachung und Warnung. So schuf Frankreich 2021 den Dienst «Viginum» und damit ein System für Wachsamkeit und Schutz gegen die digitale Einmischung von aussen.

Sein Auftrag besteht darin «die öffentliche Debatte vor ausländischen Manipulationen von Informationen über digitale Plattformen zu bewahren».

Andere Länder haben vergleichbare Initiativen ergriffen:

JEAN-MARC RICKLI

Schweden hat 2022 – insbesondere als Reaktion auf den Krieg in der Ukraine – die Agentur für psychologische Verteidigung eingerichtet, da die skandinavischen Länder an vorderster Front stehen, was den Einfluss Russlands in der Nähe ihrer Grenzen angeht.

Neu ist das aber nicht, weil neutrale Länder, insbesondere Schweden, Finnland und auch die Schweiz mit ihrem allgemeinen Verteidigungskonzept, dieses Konzept der Resilienz und der psychologischen Verteidigung der Bevölkerung bereits während des Kalten Krieges eingeführt hatten.

Neu ist natürlich, dass sich das internationale Umfeld, aber insbesondere die Mittel verändert haben, die kognitive Kriege und Desinformation ermöglichen.

BRUNO GIUSSANI

Am Anfang dieser Folge sprachen wir über François du Cluzel.

Zitieren wir am Schluss einige Zeilen aus seinem Bericht für die NATO:

SYNTHETISCHE STIMME

Das Ziel des kognitiven Krieges ist, der Gesellschaft und nicht nur dem Militär zu schaden.

Das moderne Konzept des Krieges dreht sich nicht mehr nur um Waffen, sondern um Einfluss.

Um die Wahrnehmung zu beeinflussen und die Meinungsbildung zu kontrollieren, muss das Gefecht im kognitiven Bereich mit einem ganzheitlichen staatlichen bzw. ‹whole-of-government»-Ansatz geführt werden.

Dies erfordert eine enge Koordinierung zwischen den Streitkräften und den anderen Machthebeln eines Staates. Damit einher geht die Veränderung von Ressourcen, Ausrüstung und Organisation der Armee, um militärische Optionen unterhalb eines bewaffneten Konflikts zu ermöglichen und den Beitrag des Militärs zur kollektiven Resilienz zu verbessern.

BRUNO GIUSSANI

Die militärische Reaktion ist jedoch bei Weitem nicht ausreichend. Hören wir dazu nochmals Jean-Marc Rickli:

JEAN-MARC RICKLI

Untersucht man, welche Staaten am anfälligsten für Subversion sind, dann sind das die Demokratien, denn diese haben freien Zugang zu den Bürgern, was in autoritären Staaten nicht der Fall ist.

Aufgrund dieses asymmetrischen Zugangs fällt es einer Demokratie wesentlich schwerer, Subversionsversuchen eines autoritären Staats entgegenzuwirken. Umgekehrt ist der Kampf eines autoritären Staats gegen eine Demokratie einfacher.

Die Reaktion auf Angriffe in einem kognitiven Krieg muss letztlich über mehrere Faktoren im gesamten Spektrum erfolgen.

Das betrifft Operationen im zivilen und im militärischen Bereich. Und das bedeutet, dass die Reaktion mehrheitlich nicht militärischer Natur ist.

Mit anderen Worten muss die Resilienz der Bevölkerung und des Einzelnen gegenüber dieser Form des Angriffs erhöht werden.

BRUNO GIUSSANI

Da der öffentliche und persönliche Raum insbesondere durch US-Technologieplattformen eingenommen wird und Cyberangriffe zunehmen, wurde im politischen Diskurs in Europa das Konzept der sogenannten «digitalen Souveränität» geprägt.

Gemeint ist damit die Fähigkeit eines Landes, seine Daten und seine Infrastrukturen zu schützen und seine strategische Autonomie zu bewahren.

Konkret handelt es sich um ein komplexes Thema, das rein technisch betrachtet Aspekte mit variabler Gebietsbezogenheit (die das jeweilige Ausmass an Souveränität bestimmt) betrifft, d. h. Hardware, Software, Netzwerke und Daten samt ihrer Aggregation und Aufbereitung.

Die empfohlenen oder umgesetzten Strategien sind im allgemeinen regulatorischer Natur und betreffen die Verpflichtung, bestimmte Datentypen innerhalb der Landesgrenzen zu speichern. Ebenso können sie technischer Natur sein wie die Schaffung nationaler digitaler Infrastrukturen oder neuer Sicherheitsstandards.

Folglich sind sich politische und wirtschaftliche Kreise, aber auch die Bevölkerung des Risikos bewusst, das mit der Abhängigkeit von ausländischen Technologieakteuren verbunden ist.

Gleichwohl wirft die kognitive Bedrohung Fragen auf, die über «Wo werden unsere Daten gespeichert?», «Wer hat Zugriff darauf?» und «Verwenden wir lokale technische Lösungen?» hinausgehen. Massnahmen, die unverzichtbar sind, aber nicht ausreichen.

Wenn wir eine Form der geistigen Autonomie bewahren wollen, die Individuen und Gesellschaft ermöglicht, ihre Wahrnehmung der Realität zu kontrollieren und fundierte und unabhängige Entscheidungen zu treffen, müssen wir nach den Grundsätzen der «kognitiven Souveränität» denken.

Für heute machen wir hier Schluss.

In der fünften Folge beschäftigen wir uns mit einer nicht militärischen Reaktion auf den kognitiven Krieg – dem Gesetz.

Mein Name ist Bruno Giussani, und dies ist der DEFTECH-PODCAST.

Vielen Dank fürs Zuhören.

Deftech Podcast

Idee & Projektion : Quentin Ladetto

Kognitive Bedrohung

Konzeption und Redaktion : Bruno Giussani

Realisierung : Anna Holveck
Aufnahme : Denis Democrate
Mixage : Jakez Hubert
Cover : Cécile Cazanova

Fiktion

Redaktion : Martin Quenehen
Schauspielerin : Chantal Busse
Sound design : Felix Davin

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