Die Schweizer Armee steht vor der Herausforderung, in einem sich immer schneller wandelnden Umfeld flexibel und zukunftsorientiert zu agieren. Die Offenheit für neue Fragen und die Bereitschaft, bestehende Konzepte flexibel zu justieren, bilden das Fundament einer resilienten Verteidigungsstrategie, welche nicht drum herumkommt nach vorne schauen zu müssen.
Das Projekt Schweiz+ des deftech-ForesightProgramms zeigt, wie moderne Zukunftsforschung und neue Technologien systematisch genutzt werden können, um langfristige Handlungsfähigkeit und strategische Resilienz zu sichern.
Die im Rahmen des Projekts entwickelten Konzepte sind keine Prognosen oder Vorhersagen. Sie verstehen sich als Denkanstösse, die zeigen, was möglich sein könnte. Ziel ist es, Diskussionen über die behandelten Themen anzuregen, das Spektrum möglicher Zukunftsentwicklungen zu erweitern und somit neue Impulse für eine lern- und anpassungsfähige Armee zu schaffen.
Denken über den Tellerrand hinaus
Für das Projekt wurde ein zukunftsarchäologischer Ansatz gewählt. Die Zukunftsarchäologie schlägt eine Brücke zwischen Vorstellungskraft, Kreativität und konkreter Umsetzung in der Gegenwart.
Sie ermöglicht es, die heutige Realität durch die Linse verschiedener möglicher Zukünfte neu zu betrachten. So werden potenzielle blinde Flecken und verborgene Schwachstellen im System sichtbar, die im strategischen Kontext von Bedeutung sind. Zugleich eröffnet der Ansatz die Chance, etablierte Sichtweisen und bestehende Prioritäten kritisch zu hinterfragen.
Durch ihren spezifischen Prozess ermöglicht die Zukunftsarchäologie, selbst ambitionierte und stark spekulative Konzepte in eine fundierte Diskussion einzubringen, ohne sie vorschnell als unrealistisch abzutun.
Anstatt auf kurzfristige Trends zu reagieren wird so eine völlig neue strategische Ausgangslage geschaffen.
Zukunftsarchäologie als Prozess
Die Zukunftsarchäologie verbindet klassische Foresight-Ansätze mit spekulativen Methoden der Zukunftsforschung über eine eigene Wirkungslogik. Durch die gezielte Auswahl und methodische Anordnung bewährter Instrumente der Zukunftsforschung werden spekulative Visionen, Trendanalysen und Szenariotechnik auf neue Weise miteinander verknüpft.
Zukunftsarchäologie unterscheidet sich als Foresight-Framework grundlegend von konventioneller Vorausschau und reinem Speculative-Design.
Die Logik: Fabrikation vs. Ausgrabung
Die Untersuchung der Zukunft durch konventionelle Foresight-Methoden, die auf World-Building und Trendforschung als explorative Werkzeuge setzen, um Chancen oder Problemlösungen zu identifizieren, gleicht dem Versuch, die Vergangenheit zu studieren, indem man zuerst eine komplette antike Welt fabriziert, nur um darin ein einzelnes Objekt oder eine Fragestellung zu kontextualisieren.
Die Zukunftsarchäologie kehrt diese Logik um. Anstatt eine Welt zu fabrizieren, um darin ein Problem zu finden oder zu lösen, beginnt sie mit der «Ausgrabung» von Artefakten aus unbekannten noch zu erforschenden Zukünften.
In diesem Modell ist das Artefakt der Ausgangspunkt der Untersuchung, nicht das Ergebnis. Diese Objekte fungieren als Portale in Welten, die (noch) nicht existieren. Dies ermöglicht es, die Regeln und die Logik künftiger Welten auf Basis der Evidenz des Artefakts selbst zu rekonstruieren und abstraktes Raten durch fundierte Entdeckung zu ersetzen.
Dieser Unterschied ist entscheidend.
In der Wirkungslogik der Zukunftsarchäologie werden Szenarien im Unterschied zu anderen Foresight-Ansätzen nicht primär als Werkzeug zur Erkundung der Zukunft genutzt, sondern am Ende des Prozesses als Prüfrahmen für die entwickelten Ideen eingesetzt.
Hypothetische Zukunftsartefakte, wie man sie aus spekulativen Designprozessen kennt, sind hier zudem kein Endprodukt, sondern bilden den Kern des Prozesses. Sie werden imaginiert, symbolisch «ausgegraben» und als greifbare Erfahrungen inszeniert, um neue Perspektiven und Reflexionen anzuregen.
Das kreative «Ausgraben» von Zukunftsartefakten eröffnet Räume für Vorstellungskraft, jenseits aktueller technologischer und gesellschaftlicher Grenzen. Was heute unmöglich scheint, kann morgen selbstverständlich sein. Sie repräsentieren bewusst provokante und andersartige Modelle möglicher Zukünfte. Sie dienen als Spiegel für verborgene Schwächen im System und eröffnen neue Denkräume, indem sie etablierte Annahmen und Prioritäten kritisch hinterfragen. Zukunftsartefakte ermöglichen es, komplexe und sich verändernde Situationen gedanklich zu simulieren und daraus neue Ansätze für praktische Entscheidungen abzuleiten.
Dadurch soll verhindert werden, dass sich der Blick auf die Zukunft durch aktuelle technologische oder gesellschaftliche Grenzen verengen lässt.
Auch wenn heute noch offen ist, wie ein Artefakt konkret realisiert werden kann, darf die Fantasie nicht darunter leiden. Was heute unmöglich erscheint, könnte morgen ganz selbstverständlich sein.
Im Zentrum der Zukunftsarchäologie steht das konstruktive Zusammenspiel von Möglichkeitssinn und Wirklichkeitssinn (siehe Grafik).
Phasen einer zukunftsarchäologischen Exploration
Die vier verschiedenen Phasen einer Erkundung lassen sich wie folgt beschreiben:
- Exploration:
Die Identifikation und Ausgrabung relevanter Artefakte durch kreative Erkundungsansätze. - Entschlüsselung:
die strukturierte Analyse der zukünftigen Kontexte, aus denen die Artefakte stammen, einschliesslich ihrer systematischen Rückführung in die Gegenwart mittels «Reverse Engineering of Time» zur Bestimmung technologischer, gesellschaftlicher und logischer Voraussetzungen. - Prüfung:
die Evaluation der spekulativen Ideen in der heutigen Realität anhand aktueller Trends und Szenarien auf ihre Robustheit geprüft und evaluiert. - Integration:
die gewonnenen Erkenntnisse werden in konkrete Massnahmen, Konzepte und Strategien überführt.
Am Anfang steht der Möglichkeitssinn, welcher den Raum für Kreativität, Vorstellungskraft und das Erkunden verschiedener Zukünfte eröffnet. Erst wenn diese gedanklichen Horizonte ausgelotet sind, tritt der Wirklichkeitssinn hinzu. Er schlägt die Brücke zur Gegenwart und prüft, wie tragfähig und umsetzbar die zuvor entwickelten Zukunftsbilder wirklich sind.
Diese Brücke entsteht durch eine zeitliche Rückwärtsentwicklung. Das sogenannte «Reverse Engineering of Time» (REoT). Dieses methodische Werkzeug schliesst die Lücke zwischen Vision und Wirklichkeit, indem es von einem zukünftig gedachten Artefakt rückwärts in die Gegenwart arbeitet. Schritt für Schritt wird sichtbar, welche Bedingungen, Entscheidungen und Entwicklungen notwendig wären, damit das angestrebte Zukunftsbild tatsächlich entstehen kann.
Die Rückführung eines Zukunftsartefakts in die Gegenwart ist kein einzelner, vorgegebener Pfad, sondern eine bewusste Wahl aus vielen Möglichkeiten. Der REoT-Prozess entfaltet sich in drei aufeinander aufbauenden Phasen:
- Funktionale Dekomposition (Functional Decomposition):
Analysiert die beabsichtigte Funktion des Artefakts und stellt sicher, dass diese vollumfänglich verstanden wird. Hierbei werden notwendige Verfeinerungen vorgenommen, um die Kernidee zu schärfen. - Logische Dekonstruktion (Logical Deconstruction):
Zerlegt das Artefakt in seine logischen Komponenten. Dieser Schritt identifiziert die zugrunde liegenden gesellschaftlichen und technologischen Annahmen, die für seine Existenz erforderlich sind. So wird sichergestellt, dass das Artefakt plausibel ist, die Kernidee vollständig repräsentiert und logisch schlüssig ist. Platzhalter (wie imaginäre gesellschaftliche Entwicklungen oder Technologien) sind hierbei ausdrücklich erwünscht, um Elemente darzustellen, die aktuell noch nicht verstanden oder machbar sind. - Temporale Dekompression (Temporal Decompression):
Erstellt einen rückwärtsgewandten Zeitstrahl, ausgehend vom zukünftigen Artefakt bis hin zur Gegenwart. Dies legt die Schlüsselfaktoren und zeitlichen Abhängigkeiten offen, die zur Realisierung des Konzepts nötig sind. Die Rückwärtsperspektive ist hierbei entscheidend. Sie erlaubt es, über notwendige Voraussetzungen nachzudenken, ohne durch heutige technologische Grenzen oder gesellschaftliche Normen eingeschränkt zu sein. Während sich der Zeitstrahl entfaltet, wird jede identifizierte logische Komponente integriert. Je näher man der Gegenwart kommt, desto stärker rücken aufkommende Trends, Technologien und soziale Entwicklungen in den Fokus, die mit dem Artefakt verknüpft sind.
Eine häufige Erkenntnis aus diesem Prozess ist, dass Ideen, die anfangs wie reine Science-Fiction wirkten, tatsächlich erreichbar sind. Zudem können die Einsichten dieser Reise unerwartete Partnerschaften und Ökosysteme aufzeigen und so unvorhergesehene Kollaborationsmöglichkeiten erschliessen.
Kontinuierliche Weiterentwicklung als Schlüssel zum Erfolg
Die Erkenntnisse aus dem Projekt Schweiz+ zeigen, dass strategische Vorausschau nicht ein einmaliges Ereignis ist, sondern ein kontinuierlicher Prozess sein sollte.
Gerade angesichts wachsender Unsicherheit, technologischer Disruption und geopolitischer Spannungen ist die Fähigkeit, frühzeitig relevante Veränderungen zu erkennen und strategisch einzuordnen, entscheidend.
Kritische Selbstreflexion, Offenheit für das Unbekannte und die Bereitschaft, aus jeder Zukunft zu lernen, sind die zentralen Qualitäten einer souveränen und zukunftsfähigen Armee.
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